„Den einen Grund gibt es nicht.“ - Interview mit Andres Veiel zu seinem Film „Der Kick“ (2006)

„Den einen Grund gibt es nicht.“ - Interview mit Andres Veiel zu seinem Film „Der Kick“ (2006)

Andres Veiel, PorträtRegisseur Andres Veiel – Urheber/in: BerlinBeyond2011. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

An einem viel zu frühen Morgen in seinem Lieblingscafé. Es ist sein ausgelagertes Wohnzimmer, wie er sagt. Andres Veiel lässt sein Handy angeschaltet, er hat viel zu tun. Sein neuer Film erlebt am Donnerstagabend seine Deutschlandpremiere. „Der Kick“ zeichnet den „Fall Potzlow“ nach: Im Sommer 2002 misshandeln die Brüder Marco und Marcel Schönfeld und ihr Kumpel Sebastian Fink den 16-jährigen Marinus Schöberl. Seine Leiche verscharren sie in einer Jauchegrube, vier Monate später werden die Überreste geborgen.
Simone Schmollack sprach mit dem Berliner Regisseur über die Motivation, ein cineastisches Protokoll über ein Gewaltszenario unglaublichen Ausmaßes zu drehen und über rechtsradikale Tendenzen in Deutschland.

Sie rücken äußerst nah an die Täter heran. Wollen Sie sie entlasten?
- Uns, der Dramaturgin Gesine Schmidt und mir, ist es nie darum gegangen, für die Tat Verständnis zu wecken, sondern sie zu verstehen. Verstehen und Verständnis sind zwei völlig verschiedene Perspektiven.

Zwei Jahre nach der Tat haben Sie sieben Monate lang in Potzlow recherchiert und dabei das soziale Umfeld sehr genau kennen gelernt. - Haben Sie die Bilder wieder gefunden, die die Medien ausschließlich vermittelten: soziale Verwahrlosung, Alkohol, Rechtsradikalismus, Gewalt?
- So wie jedes andere Dorf in der Uckermark und jedes beliebige im Westen ist Potzlow vielschichtig. Es hat einen sozialen Abstieg zu verzeichnen, daneben aber auch einen ganz gewöhnlichen Alltag. Und die Täter kommen nicht aus einem Umfeld, in dem allein Gewalt und Rechtsradikalismus vorherrschen. Das Gegenteil ist der Fall. Der Vater von Marco und Marcel Schönfeld war bis 2002 nicht arbeitslos, er hat nicht getrunken und seine Söhne nie geschlagen und missbraucht. All diese Klischees zerbrechen an diesem Fall.

Wie ist der Fall dann zu fassen?
- Es gibt ein Ursachendickicht. Die Gewalterfahrungen im Dorf spielen eine Rolle, mediale Vorbilder wie der Film „American History X“ ebenfalls. Möglicherweise muss man noch ganz woanders suchen. Wir haben die Vorgeschichte bis zu den Großeltern zurückverfolgt. Und die zeigte, dass zu deren Zeit Gewalt vorherrschte, die sich später als Trauma manifestiert und „verpuppt“ hat. Niemand hat darüber gesprochen. Vielleicht gibt es den Zusammenhang, dass die Gewalt zwei Generationen später in Form dieser unfassbaren Tat wieder auftaucht?

Aber mit Trauma allein kann der Fall doch nicht erklärt werden?
- Es gibt nicht den einen Grund. Der Vorfall ist komplex. Dementsprechend taugt auch die so genannte Perspektivlosigkeit, die im Osten zur Erklärung solcher Phänomene gern heran gezogen wird, nicht als alleiniges Erklärungsmuster. Marco Schönfeld hatte keine Perspektive, das ist richtig. Aber die anderen beiden Täter wollten gerade eine Lehre beginnen. Ob sie dann auch Arbeit gefunden hätten, ist eine andere Frage. Die Tat ist in Brandenburg passiert. Die Gefahr, im Osten der Republik Opfer einer rechtsextremistischen Gewalttat zu werden, ist vier Mal höher als im Westen. Dennoch gibt es auch dort ähnliche Fälle. Auch in der Schweiz, wo die Arbeitslosenrate bei nur 3,5 Prozent liegt, sind wir auf einen brutalen Mord im rechten Milieu gestoßen.

Was hat Sie damals bewogen, den Fall als Stoff zu betrachten?
- Zwei Gründe: Zum einen, dass die Tat so monströs und unglaublich war, dass ich wissen wollte, was dahinter steckt. Es gab nicht nur die drei Täter, sondern darüber hinaus drei Zeugen, die weder eingeschritten sind noch die Polizei alarmiert haben. Später hat einer der Täter von dem Mord erzählt, aber niemand hat reagiert. Zum anderen hat mich interessiert, hinter die Schablonen zu schauen, die in den Medien von den Tätern konstruiert wurden. Ich wollte Marco und Marcel Schönfeld aus dem Monsterkäfig holen, ihnen eine Biographie geben. Man muss sich die Täter als Menschen vorstellen. Das ist die eigentliche Provokation.

War kein bisschen Sensationslust dabei?
- Der Film dreht Sensation um, er ist die Dekonstruktion von Sensation und die Demontage fest gefügter Meinungen. Er zeigt ein differenziertes Bild und sorgt für Verstörung und Irritation. Er lässt die Zuschauer mit Fragen und vielleicht auch mit Ratlosigkeit zurück.

Für die Recherche haben Sie mit den Eltern der Täter als auch des Opfers gesprochen, darüber hinaus mit Dorfbewohnern und Prozessbeteiligten, Sie haben die Prozessakten studiert. Auf welche Widerstände sind Sie gestoßen?
- Zum Anfang auf jede Menge. Der Pfarrer im Dorf hat uns klipp und klar gesagt: Wir wollen Sie hier nicht! Aber wir blieben hartnäckig. Im Laufe der Zeit haben wir das Vertrauen der Menschen in Potzlow gewinnen können.

Vertrauen war für Ihre Recherche sicher eine Grundvoraussetzung. Konnten Sie in jedem Fall den professionellen Abstand wahren?
- Während der Gespräche gab es Momente, in denen uns die Täter nahe kamen und sich Sympathie entwickelte. Das hat uns verunsichert, weil man sich so etwas – angesichts der Tat – eigentlich nur schwer vorstellen kann. Gleichzeitig gab es eben auch die dunkle Seite der Gewalt in ihrer gnadenlosen Ausübung. Im Film geht es darum, diese Ambivalenz nicht zu glätten, sondern auszuhalten. Nichts anderes versucht dieses Stück. Die Zuschauer werden ständig hin- und hergerissen.

Der Film ist die Folge des Theaterstücks, für das sie ursprünglich recherchiert haben. Warum noch der Film?
- Das Stück hatte 2005 im Berliner Maxim-Gorki-Theater Premiere. Bei den Probenarbeiten habe ich gemerkt, dass sich die Feinstofflichkeit der Inszenierung in der Größe des Bühnenraums verliert. Bestimmte Gesichtszüge waren in dreißig Metern Entfernung nicht mehr zu erkennen, manches Zucken verschwand in der Tiefe. Der Film erzählt scheinbar das Gleiche – aber komplett anders.

Warum kein Dokumentarfilm?
- Bewusst nicht. Ich wollte die Ereignisse nicht eins zu eins abbilden, ich wollte eine Distanz schaffen, die über die Medien Theater und Film funktioniert. Ich wollte keinen Glatzköpfigen, der etwas in die Kamera stammelt – und dem niemand zuhört. Mit den Schauspielern unterlaufe ich den inneren Widerstand des Zuschauers.

Jetzt soll es noch ein Buch zum Fall geben?
- Daran arbeite ich gerade.

Viel Erfolg und herzlichen Dank für das Gespräch.

Andres Veiel wurde 1959 in Stuttgart geboren, hat in Berlin Psychologie und Regie studiert, u.a. bei Krysztof Kieslowski. Zu seinen vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilmen zählen u.a. „Winternachtstraum“ (1992), „Balagan“ (1993, Friedensfilmpreis und Deutscher Filmpreis), „Die Überlebenden“ (1996, Grimme-Preis), „Black Box BRD“ (2001, u.a. Europäischer Filmpreis), „Die Spielwütigen“ (2005, u.a. Berlinale Publikumspreis, Preis der Deutschen Filmkritik).

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