Deimantas Narkevicius

Deimantas Narkevicius

Deimantas Narkevicius Rohkunstbau 2009

"Der Futurologe Stanisław Lem prophezeite, dass sich die technische Entwicklung zunehmend unserer zwischenmenschlichen Beziehungen bemächtigen werde. Irgendwann, so vermutete Lem, werde die künstliche (maschinelle) Intelligenz darangehen, dem Menschen eigene Gefühle zu substituieren. Doch der Autor bekannte am Ende selbst in einem Interview, dass „ihr das nicht gelingen wird“. Er hatte erkannt, dass auf künstlichem Weg keine wirkliche Intelligenz, sondern nur eine laufend verbesserte Imitation derselben entstehen kann. Das elektronische Gerät, das sich Rechner nennt, tut heute schon so, als sei es intelligent. Es kann sogar dem Menschen als Gesprächspartner dienen, doch das hat weder mit Täuschung, noch mit einer ersatzweisen Intelligenz, sondern nur mit Nachahmung zu tun. In Lems Weltraumdrama Solaris erscheinen seelische Projektionen in materialisierter Form. Sie entspringen dem Gedächtnis eines Menschen. Der Astronaut Kris Kelvin bekommt Besuch von einer Frau, die äußerlich mit seiner toten Ehefrau identisch ist. Diese Geschichte hat der berühmte russische Regisseur Andrej Tarkowski 1972 verfilmt und dabei recht frei interpretiert. So fügte er einige Familienmitglieder hinzu: Der Astronaut besucht vor dem Weltraumflug seinen Vater und das Haus seiner Kindheit. Auch sonst spielt ein erheblicher Teil des Films auf der Erde. Er erzählt von der Abreise des Astronauten und am Ende von seiner Rückkehr zum Haus des Vaters. Durch die Art und Weise, in der der Film konstruiert oder besser: komponiert ist, werden die Landschaftseinstellungen mit symbolischen Bedeutungen aufgeladen. Visuell knüpfen sie an die Malerei der Renaissance und an die großen Landschaftsmaler der Romantik an. Mir scheint, dass Tarkowski den zunehmenden Einfluss der elektronischen Medien (oder der Medien allgemein) auf die zwischenmenschlichen Beziehungen weniger kritisch gesehen hat als Stanisław Lem.
In meinem Kurzfilm Revisiting Solaris schlüpft der Schauspieler Donatas Banionis mehr als vierzig Jahre  nach Andrej Tarkowskis Solaris erneut in die Rolle des Kris Kelvin. Revisiting Solaris beruht auf dem letzten Kapitel in Lems Buch, das Tarkowski in seiner Verfilmung weggelassen hat. In diesem Kapitel lässt Kelvin seinen Kurzbesuch auf dem „Boden“ des Planeten Solaris kurz vor dem Ende seiner Mission Revue passieren. Als Material zur Visualisierung der Landschaften auf Solaris benutzte ich Fotografien des litauischen Malers und Komponisten Mikalojus Konstantinas Čiurlionis. Sie entstanden 1905 an der Schwarzmeerküste von Anapa. Die Werke des Symbolisten Čiurlionis zeichnen sich durch eine sehr eigenwillige Auffassung von Räumlichkeit aus. Sie vermitteln den Eindruck unendlicher Weite und Ausdehnung in der Zeit. Seine Fotos haben die Qualität einer kosmischen Vision und tiefen inneren Konzentration. Interessanterweise filmte Andrej Tarkowski dieselbe Oberfläche des Schwarzen Meeres vor der Küste der Krim, um den geheimnisvollen Ozean auf Solaris darzustellen."
Deimantas Narkevičius
Aus dem Englischen von Herwig Engelmann

Die Beschäftigung mit den kommunistischen Erfahrungen Litauens zieht sich wie ein roter Faden durch die filmischen Arbeiten von Deimantas Narkevičius. Thematisch und formal sind sie geprägt von den Utopien der untergegangenen Sowjet-Ära. Dahinter verbirgt sich aber auf den zweiten Blick eine bohrende Befragung unseres zeitgenössischen, subjektiven Umgangs mit Geschichte schlechthin. Das menschliche Gedächtnis scheint auf eigene Weise die Erinnerung an Lebenserfahrungen und an imaginierte Ereignisse miteinander zu verbinden. Um eine Reflexion der unterschiedlichen historischen und sozialen Ebenen zu erreichen, bedient sich Narkevičius verschiedener Erzählstränge und Filmtechniken, wobei er konstruktivistische und konzeptualistische Strategien mit einbezieht. Dabei begreift der gelernte Bildhauer seine Arbeiten als digitale Skulpturen, mit denen spezifische Orte und Strukturen definiert werden.

Für Rohkunstbau zeigt der Künstler seinen Kurzfilm „Revisiting Solaris“, eine persönliche Hommage an den Science-Fiction-Roman von Stanislaw Lem ebenso wie an die berühmte Verfilmung von Andrej Tarkowski. Für Narkevičius’ Vorstellung von der Landschaft des Planeten Solaris haben darüber hinaus Gemälde des symbolistischen litauischen Malers Mikalojus Konstantinas Ciurlionis Pate gestanden. Narkevičius geht es in seiner Arbeit unter anderem um eine Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz und ihre Bedeutung für die Welt menschlicher Beziehungen und Emotionen. Der sonderbare, manipulative Planet Solaris repräsentiert genauso wie Atlantis eine imaginierte Welt, die der gelebten Realität einen Spiegel vorhält.

Ausgewählte Einzelausstellungen
2008 The Unanimous Life, Museo Nacional Centro De Arte Reina Sofía, Madrid, Spain
2008 The Dud Effect, Barbara Weiss Gallery, Berlin, Germany
2006 Screening, Musée National d’Art Moderne, Centre Pompidou, Paris, France
2004 Films screening, Tate Modern, London, UK
2001 Lithuanian Pavilion, (49.) Biennale di Venezia, Venice, Italy

Ausgewählte Gruppenausstellungen
2008 Art Focus 2008, International Biennale of Contemporary Art (curators Bernard Blistène & Ami Barak), Jerusalem, Israel
2008 The Vincent Award 2008, Stedelijk Museum, Amsterdam, Netherlands
2007 Deimantas Narkevicius and Július Koller, Art Premiere, gb agency, Art 38 Basel, Switzerland
2006 The Last Chapter-Trace Route: Remapping Global Cities, (6.) Gwangju Biennale, South Korea
2005 Black Market Worlds, (9.) Baltic Triennial of International Art, CAC, Vilnius, Lithuania
2004 Focus on D. Narkevicius, (33.) International Film Festival Rotterdam, Netherlands

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