Elisa Sighicelli

Elisa Sighicelli

Elisa Sighicelli Rohkunstbau 2010

Beim Nachdenken über Atlantis und das Thema Hidden Histories – Imagined Identities interessierte mich die Frage, wie wir mit Hilfe von Metaphern Gefühle erzeugen und wie diese Gefühle Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbinden. Ich habe mich für die Leuchtkästen entschieden, denn ich wollte ein suggestives Licht und ein Gefühl zeitlich gebundener Wahrnehmung herstellen. Zwar haben die einzelnen Arbeiten keine Titel, aber jede bringt eine bestimmte Zeitauffassung ins Spiel. Bilder der Sedimentierung, etwa von Sandverwehungen, die durch eine offene Tür einen ganzen Raum füllen, handeln vom Verlust und von der Zerstörung Atlantis’. Wie Palimpseste erzeugen die Bilder Räume als übereinander gelegte Schichten von Zeit. Sie geben dadurch auf ihre Weise die architektonischen Gegebenheiten und die historischen Ablagerungen von Schloss Marquardt wieder.
Außerdem interessiert mich, wie man Innen und Außen (Gegenwart in der Verlaufsform) nutzen kann, um die Wahrnehmung in einem offenen oder unmittelbaren Augenblick zu erweitern. Dafür nutze ich Bilder vom Draußen im Inneren und umgekehrt: zum Beispiel einen Raum mit vier Wänden, einem Reif und einem Fenster. Die von hinten aus schrägem Winkel aufgenommene, unkenntliche Plakatwand ist für mich ein Bild der Zukunft und ihrer Konstruktion, sowie, in diesem Fall, ein verborgenes Unsichtbares – nämlich eine Werbebotschaft, die es noch gar nicht gibt.
Als Kontrapunkt zu Geschichte und Vergangenheit habe ich in einem zweiten Raum Leuchtkästen mit landschaftlichen Details aus den Gemälden von Giovanni di Paolo installiert. Die Originale stammen aus dem 15. Jahrhundert (als die Landschaftsmalerei noch kein eigenständiges Genre war). Als herausgelöste Details erlangen diese Ansichten eine Autonomie, die sie vorher nicht hatten. Es sind ins Imaginäre entrückte Landschaften, wie es sie auch in Atlantis gegeben haben könnte. Kritias beschreibt in Platons Dialog die fantastischen Landschaften des versunkenen Atlantis sehr genau. Für mich passt das gut zur brüchigen Chronik und Landschaftsgeschichte von Schloss Marquardt, das heute mit zeitgenössischem Blick wieder entdeckt wird.
Elisa Sighicelli im Gespräch mit Mark Gisbourne

Dass der Begriff Fotografie frei übersetzt werden kann mit „Zeichnen mit Licht“ nimmt Elisa Sighicelli wörtlich. Licht ist für sie nicht nur das Medium des fotografischen Bildes, sondern auch thematisch das Zentrum ihrer Arbeit. Mit dokumentarischem Blick untersucht sie seine Erscheinungsformen als natürliche oder künstliche Beleuchtungsquelle: als Reflexion auf metallischen Flächen, als Kerzenschein oder fluoreszierendes Strahlen von Neonleuchten. Mit einer eigenen Technik gelingt ihr das Einfangen des reizvoll Vergänglichen, des unbegreiflich Fragilen, der naturwissenschaftlichen Magie der Photonen. Dabei verkürzt sie die menschenleere Architektur ins Grafische. Ihre Arbeiten stehen zwischen sachlicher Dokumentation und abstrakter Idee. Es handelt sich um eine poetische Monografie des Lichts. In letzter Konsequenz werden ihre Motive als Leuchtkästen präsentiert, womit sich der Kreis schließt: Das abgebildete Licht wird so in der  Ausstellungssituation reanimiert.

Im Obergeschoss des Schlosses zeigt Elisa Sighicelli in zwei separaten Räumen ihre fotografischen Arbeiten, die durch ihre Transparenz und Lumineszenz fast wie „Licht-Zeichnungen“ wirken. In neun verschiedenen Werken verweist sie auf Vergangenheit und Zukunft. Zum einen sind Gemälde italienischer Meister zu sehen, die, als Detail dem Gesamtwerk entnommen, von Personen befreit, nur die Landschaft transformiert in einer Lichtbox zeigen – zum anderen futuristische Architekturen, die durch ihre Klarheit und Strenge im Gegensatz zu den verträumten, fiktionalen Landschaften stehen, die dem Betrachter in seiner Fantasie auch als die Landschaft von Atlantis erscheinen mögen. 

Ausgewählte Einzelausstellungen
2010 The Party Is Over, Gagosian Gallery, New York, USA
2009 Seomi & Tuus Gallery, Seoul, South Korea
2007 GAM, Torin, Italy
2006 The River Suite, Gagosian Gallery, London, UK
2006 Phi, Giò Marconi Gallery, Milan, Italy

Ausgewählte Gruppenausstellungen
2009 Italian Pavillon, 53rd Venice Biennial, Venice, Italy
2008 Focus on Contemporary Italian Art, MAMbo, Bologna, Italy
2005 Agony and the Ecstasy, FACT, Foundation for Art and Creative Technology, Liverpool, UK
2005 The Mind is a Horse Part 2, Bloomberg Space, London, UK
2003 Liquid Sea, Museum of Contemporary Art, Sydney, Australia

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