Mat Collishaw

Mat Collishaw

Mat Collishaw, Rohkunstbau 2010

„Damals waren die Welt der Spiegel und die Welt der Menschen nicht wie heute getrennt. Dabei waren sie sehr verschieden; weder die Wesen noch die Farben noch die Formen stimmten überein. Beide Reiche, das Spiegel- und das Menschenreich, lebten in Frieden; man ging durch die Spiegel ein und aus. In einer Nacht überfielen die Spiegelleute die Erde. Ihre Kräfte waren groß, doch nach blutigen Kämpfen behielten die magischen Künste des gelben Kaisers die Oberhand. Er schlug die Eindringlinge zurück, kerkerte sie in den Spiegeln ein und erlegte es ihnen auf, wie in einer Art Traum alle Taten der Menschen zu wiederholen. Er nahm ihnen Kraft und Gestalt und machte sie zu bloßen dienstbaren Reflexen. Eines Tages jedoch werden sie diese magische Lethargie abschütteln. Der erste, der erwacht, wird der Fisch sein. In der Tiefe des Spiegels werden wir eine sehr feine Linie bemerken, und die Farbe dieser Linie wird eine Farbe sein, die keiner anderen gleicht. Dann werden nach und nach die anderen Formen erwachen. Allmählich werden sie verschieden von uns sein; allmählich werden sie uns nicht mehr nachahmen. Sie werden die Schranken aus Glas oder Metall zerbrechen, und diesmal werden sie nicht besiegt werden. An der Seite der Spiegelgeschöpfe werden die Geschöpfe des Wassers kämpfen.“
Aus: Jorge Luis Borges, „Spiegelwesen“, in: ders., „Einhorn, Sphinx und Salamander“. Carl Hanser Verlag, München, Wien 1982, S. 124 f.

Mat Collishaw zählt zu den 16 Künstlern, die 1988 an der von Damien Hirst kuratierten Ausstellung Freeze teilgenommen haben, die den Begriff der Young British Artists geprägt hat. Sein vielseitiges Werk, das Fotografie, Malerei, Installation, Video und Skulptur umfasst, wirkt zunächst schwülstig schön und hat etwas Barockes. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch die Zwiespältigkeit der einzelnen Arbeiten ins Auge: Die unschuldig anmutenden Blumen wirken eher wie üppig lockende Geschlechtsteile, zarte Schmetterlinge explodieren. Seine neueste Arbeit „Zoetrop“, ein Zylinder mit Figuren auf einer Drehscheibe, die durch Rotationsbewegungen Bilder an die Wand wirft, wirkt wie ein Kinderspielzeug, ein Karussell, das jedoch aus kopulierenden Pärchen besteht. Die Grenze zwischen schockierend und vergänglich ist fließend, das Romantische eskaliert zur Gewalt, das Ästhetische wird zum Albtraum. Dabei wird das Element der Provokation vom Künstler ganz bewusst eingesetzt.

Mat Collishaws Video-Installation „Vanitas“ wirkt auf den ersten Blick wie ein einfacher Spiegel, den der Künstler für Rohkunstbau in einen üppigen viktorianischen Holzrahmen montiert hat. Erblickt der Betrachter zunächst nur sein eigenes Spiegelbild, erscheinen fast gleichzeitig weitere Objekte, da es sich um eine Doppelprojektion hinter dem Spiegel handelt. Das Spiel mit Illusion und Schein wird meditativ von über den Bildschirm schwimmenden Fischen und fremdartig anmutenden Meerestieren umgesetzt – sie bilden einen klaren Verweis auf den Untergang von Atlantis, das im Meer versunken ist. Die Vergänglichkeit findet ihren Höhepunkt in den klassischen Stillleben-Elementen Totenkopf und Sanduhr, die in dritter Ebene sichtbar werden.

Ausgewählte Einzelausstellungen
2010 Retrospective, British Film Institute, London, UK
2009 Nebulaphobia, Uno Su Nove, Rome, Italy
2009 Hysteria, Freud Museum, London, UK
2009 Submission, Haunch of Venison, Berlin, Germany
2008 Deliverance, Tanya Bonakdar Gallery, New York, USA

Ausgewählte Gruppenausstellungen
2009 Distortion, The Gervasuti Foundation, 53rd Venice Biennial, Venice, Italy
2009 Mythologies, Haunch of Venison, London, UK
2007 Les Fleurs du Mal, Arcos Sannio Contemporary Art Museum, Benevento, Italy
2007 The Tempest – Mat Collishaw and Paul Fryer, The Gervasuti Foundation, 52nd Venice Biennial, Venice, Italy
2007 Reconstruction #2, Sudeley Castle, Gloucestershire, UK

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