Mariele Neudecker

Mariele Neudecker

Mariele Neudecker, Rohkunstbau 2011

Endzeitfantasie – Flugschreiber: Eine Collage der Spekulationen

Das Spiel mit Illusion und Wahrnehmung ist charakteristisch für die Werke von Mariele Neudecker. In Glaskugeln hängen Berg-Landschaften komplett kopfüber und spiegeln sich im trüben Wasser. Die so entstanden Landschaftsaquarien vermitteln dem Betrachter in dreidimensionaler Anschaulichkeit den klassischen Bildaufbau von Vorder-, Mittel- und Hintergrund. In ihren Raum- und Klanginstallationen adaptiert sie das viktorianische England, inspiriert von Henry James, ebenso die deutsche Romantik mit ihrem wohlberühmten Stellvertreter Caspar David Friedrich. Mit akribischer Detailliertheit konstruiert sie ruinöse Architekturmodell, deren verlassene Szenarien von Videoszenen aufgegriffen werden, die menschenleere Landschaften zeigen: Einsamkeit, Melancholie, inszeniert in technisch perfekten Illusionsräumen, die dem Betrachter immer wieder neue Perspektiven auf das scheinbar Vertraute ermöglichen und dabei bewusst dessen Wahrnehmung in Frage stellen.

Für Rohkunstbau zeigt Mariele Neudecker zwei ihrer Landschaftsaquarien, die sie eigens für die Ausstellung entworfen hat. Sie stehen sich gegenüber – getrennt durch eine Plexiglasscheibe, die durchscheinend und reflektierend zugleich ist. Die Macht der Illusion ist perfekt, ist doch zunächst nur eine Spiegelung zu sehen, bis das äquivalente Objekt auf der anderen Seite wahrgenommen wird. Des Weiteren zeigt sie in einer Art Dunkelkammer Fotos von Langstreckenraketen und den Nachbau zweier Flugschreiber. Ergänzt werden diese Arbeiten durch den Abrieb einer „Hercules Missile“-Rakete, die im Turm des Schlosses über dessen gesamte Höhe hängt: Insignien der Macht des Menschen, der sich durch die Technik über die Gesetze der Schwerkraft hinweggesetzt hat – manifestiert in einer monumentalen Zeichnung.

Mariele Neudecker selbst sagst über ihre Arbeit:
Oft stoße ich auf Situationen, in denen sich ein Widerspruch abspielt, weil gleichzeitig zwei gegenläufige Vorschläge oder “Argumente” aufeinandertreffen: das Objektive gegen das Subjektive, das Verlockende gegen das Frustrierende – das bleibende Dilemma aller Theorien der Zeit.

Wenn ich die Flugschreiber (black boxes) der Passagierflugzeuge repliziere, scheinen diese Objekte das verheißungsvolle Versprechen aufgezeichneter Wahrheit, letztgültigen Wissens und illusionsloser Einsicht zu enthalten. Gleichzeitig weiß jeder, dass die Konstruktion der Flugschreiber – ebenso wie unser Selbst-Bewusstsein – von konzeptuellen und subjektiven Interpretationen überlagert ist. Die Objekte versuchen daher auch nicht als exakte Repliken durchzugehen; ich nehme an ihnen subtile Größenveränderungen vor und wähle kräftige Farben oder aber transparente Materialien.

Das unangreifbar scheinende schwarze Gehäuse spricht uns stumm an, redet von Verborgenheit, von noch zu findenden Geheimnissen, von unseren Projektionen des Unbekannten. Unser Glaube an die Technik fußt oft auf äußerst subjektiven Interpretationen,  seit jeher hat die Technik ein Janusgesicht: Sie zerstört und ermöglicht „menschliche“ Fiktionen.

Ausgewählte Einzelausstellungen
2010         Mariele Neudecker, Galerie Barabara Thumm, Berlin, Germany
2010         Kindertotenlied, Howard Assembly Rooms at Opera North, Leeds, UK
2009         Stay Forever and Never Come Back, The Dovecote, Studio, Aldeburgh Music, Snape Maltings, Suffolk, UK
2005         Over and Over, Again and Again, Tate Britain, London, Tate St Ives, Cornwall, UK

Ausgewählte Gruppenausstellungen
2010         The Fourth Plinth, Maquette exhibition of shortlisted artists, St Martin in the Fields, London, UK
2010         11. TRIENNALE KLEINPLASTIK 2010, LARGER THAN LIFE – STRANGER THAN FICTION, Fellbach, Germany
2009         GSK Contemporary: eARTh, Royal Academy of Arts, London UK
2009         Cafka.09: Veracity, Contemporary Art Forum, Kitchener and Area, Ontario, Canada
2008         Wonder, Singapore Biennal, Singapore

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