"Geschichte ein Gesicht geben" - Zwangsarbeit in Brandenburg

"Geschichte ein Gesicht geben" - Zwangsarbeit in Brandenburg

Gedenkstätte SachsenhausenGedenkstätte Sachsenhausen – Urheber/in: János Balázs. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Ehemalige Zwangsarbeiter/innen und Kinder aus Zwangsarbeiterfamilien besuchen ihre früheren Einsatzorte in Brandenburg

Als Eugeny Harachka im Jahre 1944 sechzehn Jahre alt war, wurden in seinem Minsker Stadtviertel die Straßen abgeriegelt, alle Bewohner zusammen getrieben und in Eisenbahnwaggons nach Deutschland verschleppt. Gemeinsam mit seinen Eltern und den beiden Schwestern wurde er in Deutschland zur Zwangsarbeit verpflichtet, er arbeitete in einer Fabrik für Panzerteile im Ortsteil Kirchmöser der Stadt Brandenburg an der Havel. Als der Vater schwer erkrankte, wurde er eines Tages abgeholt. Nachforschungen ergaben, dass er starb und auf dem Friedhof begraben wurde. Inzwischen sind 65 Jahre vergangen, Eugeny ist heute 82 Jahre alt. Im Rahmen des Projekts „Geschichte ein Gesicht geben“ sah er zusammen mit sieben weiteren ehemaligen Zwangsarbeiter/innen und Kindern ehemaliger Zwangsarbeiterfamilien seinen früheren Einsatzort wieder. Hier hat er das Grab seines Vaters gesucht.

„Geschichte ein Gesicht geben“ ist ein gemeinsames Projekt des Vereins Jugend und Sozialarbeit e.V., der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg, der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ und engagierten Mitgliedern der Brandenburger Orte Michendorf und Wilhelmshorst. Schüler und Schülerinnen der Oberschule Wilhelmshorst sowie des Wolkenberg-Gymnasiums Michendorf haben im Vorfeld der Begegnungen in der Woche vom 15. bis 22. Mai 2010 die ehemaligen Einsatzstellen recherchiert und sich, unterstützt von ihren Lehrer/innen, auf die Suche nach deutschen Zeitzeugen begeben. Sie haben nicht nur ihre Ergebnisse präsentiert und ihre Gäste an deren frühere Einsatzorte begleitet, sondern auch Interviews durchgeführt, die die Dokumentationslage zum Thema „Zwangsarbeit in Brandenburg“ ergänzen werden.

Im Nationalsozialismus mussten seit 1939 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges rund 8,4 Millionen zivile ausländische Zwangsarbeiter und 4,5 Millionen Kriegsgefangene Sklaven- und Zwangsarbeit in Konzentrations- und Arbeitslagern, anderen Haftstätten, in der Industrie und Landwirtschaft oder auch in der Verwaltung leisten. 70 Lager existierten allein in der Landeshauptstadt Potsdam, etwa 15.000 Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen mussten hier unter unwürdigen Bedingungen schwere Tätigkeiten verrichten, um die Kriegswirtschaft des Dritten Reiches am Laufen zu halten. 65 Potsdamer Firmen und Institutionen haben nachweislich Zwangsarbeiter/innen beschäftigt. Durch eine konsequente Erinnerungsarbeit an die Schrecken des Dritten Reichs werden ein tolerantes Miteinander gefördert und Rassismus und Fremdenfeindlichkeit abgebaut. Einer ehrlichen Auseinandersetzung muss die Wahrheit über die NS-Vergangenheit zugrunde liegen.

Presseschau:
Das gelbe "P" hat überdauert (PNN, Thomas Lähns, 19. Mai 2010)
Zwangsarbeiter erinnern sich (MAZ, Enrico Bellin, 19. Mai 2010)
Pressemitteilung der Stadt Potsdam (18. Mai 2010)
Spurensuche der Verschleppten (Neues Deutschland, Stefan Otto, 27. Mai 2010)