Langzeitarbeitslosigkeit

Langzeitarbeitslosigkeit

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„Die wollen doch gar keine Arbeit finden“ oder „Die leben auf unsere Kosten“. Wer kennt nicht solche oder ähnliche Aussagen? Immer wieder geraten Langzeitarbeitslose in den Fokus sozialer Abwertung. Seit 2007 ist diese Abwertung Langzeitarbeitsloser eine Dimension des Syndroms der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, mit der sich die Forschergruppe um den Soziologen Wilhelm Heitmeyer auseinandersetzt. „Man sieht Langzeitarbeitslose kritischer als früher. Das heißt also, man betrachtet Menschengruppen stärker mit einem Nützlichkeits- und Verwertungskalkül, und bestimmte Humanpotenziale werden davon verdrängt“, so Heitmeyer. Mit dem Übergang von der Marktwirtschaft zu einer Marktgesellschaft rücke die ökonomische Nützlichkeit des Menschen in den Mittelpunkt. Wichtig wird, welche Erträge der Mitarbeiter in seiner beruflichen Position bringt. In den letzten zwei Jahren hat es innerhalb dieser Dimension leichte Anstiege gegeben. So stimmten im Jahr 2008 63,4 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass es empörend sei, wenn sich Langzeitarbeitslose "auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen" würden. 2007 fand die These eine Zustimmung von 60,8 Prozent. Ganze 56 Prozent der Deutschen stehen Langzeitarbeitslosen feindselig oder abwertend gegenüber und halten sie für faul oder anderweitig ökonomisch minderwertig.

Welche Auswirkungen Arbeitslosigkeit mit sich bringt, bleibt in der Bevölkerung oftmals unerkannt. Dabei sind gerade 3,276 Millionen Menschen in unserer Gesellschaft ohne Arbeit. „Dass Arbeitslosigkeit psychisch belastet, haben Soziologen schon in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts nachgewiesen. Eine Gruppe von Forschern befragte etwa während der Weltwirtschaftskrise arbeitslos gewordene Arbeiter in einer Kleinstadt namens Marienthal. Bei allen Interviewpartnern registrierten sie ähnliche Symptome: Hoffnungslosigkeit, Verlust von Zeitgefühl, Mangel an Vertrauen in die eigene Handlungs- und Leistungsfähigkeit und, daraus resultierend, ein extrem niedriges Selbstwertgefühl“, so die Autorin Nele Heitmeyer in der Wochenzeitung ZEIT.

Besonders paradox in diesem Zusammenhang erscheint die Tatsache, dass Menschen aus sozial schwächeren Lagern Langzeitarbeitslose eher abwerten als Menschen aus höheren Sozialschichten. Der Soziologe Heitmeyer meint hierzu: „Wie bei den ökonomistischen Orientierungen fällt auch hier auf, dass mit sinkender Soziallage die Ressentiments gegenüber Langzeitarbeitslosen kontinuierlich zunehmen. Überraschend ist dies, weil das Risiko der Langzeitarbeitslosigkeit mit niedriger Schulbildung und beruflicher Qualifikation ansteigt und vor diesem Hintergrund vermutet werden könnte, dass diese Personen eher Verständnis für die Lage der Langzeitarbeitslosen haben und wissen müssten, dass diese nicht notwendigerweise selbst für ihr Schicksal verantwortlich sind. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Man muss davon ausgehen, dass mit niedriger Soziallage das Bedürfnis wächst, sich von Personen am untersten Rand der Sozialhierarchie abzugrenzen, indem man diesen eine negativere Arbeitshaltung zuschreibt als sich selbst. In diesem Sinne sind zum Beispiel 29 Prozent der Befragten aus der unteren, 23 Prozent aus der mittleren und 20 Prozent aus der oberen Soziallage überzeugt, dass die Langzeitarbeitslosen ihr Schicksal selbst verschuldet haben“.

Film "Kulturimpuls Grundeinkommen" von Daniel Häni und Enno Schmidt

Arbeitslosigkeit und ihre psychosozialen Folgen. Bewältigungsstrategien für den Alltag und Hintergrundwissen. Eine Broschüre des Vereins Pro Psychotherapie e.V.