Toleranz und Intoleranz

Toleranz und Intoleranz

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Wie viele politische Schlüsselbegriffe wirkt der der Toleranz auf den ersten Blick recht einfach. Es ist aber wichtig, doch etwas genauer hinzusehen und einige Differenzierungen zu bedenken.

1.
Das alte Brandenburg-Preußen gilt als eine der Wiegen der Toleranz. Tatsächlich ist an seiner sehr wechselhaften Tolerierungspraxis erkennbar, daß einerseits die religiösen Unterschiede noch bedeutungsvoll waren und daß zugleich mit dem Aufstieg der Aufklärung die religiöse Legitimierung des Gemeinwesens zurückging. Die staatsbegründende Bedeutung der Religion hielt sich allerdings bei den preußischen Konservativen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Sie stand hinter der Zwangsvereinigung von lutherischer und reformierter Kirche im Jahre 1817 und reichte über Bismarcks immer wieder aufbrechende politische Feindschaft gegenüber Katholiken und Juden hinaus. Andere Unterschiede hingegen, die es auch gab, waren zunächst nicht wichtig, Die unterschiedlichen Idiome, die Untertanen sprachen, wurden vom Staat nicht einfach toleriert, sie waren ihm gleichgültig. Je wichtiger aber die Sprache für die Selbstdefinition Preußens wurde, desto intoleranter wurde es in dieser Hinsicht. Die sprachliche Toleranz, die die reformatorische lutherische Bewegung weitgehend gekennzeichnet hatte, verschwand im 19. Jahrhundert. Das traf auch die protestantischen Sorben in der schlesischen Lausitz, die protestantischen Litauer in Ostpreußen, vor allem aber die Bevölkerungen polnischer Sprache, einschließlich der protestantischen Masuren. Diese Intoleranz ist Indikator dafür, daß die Sprache ins Zentrum der Definition des preußisch-deutschen Staates rückte. Der daraus zu erschließende allgemeine Mechanismus wäre, daß Toleranz gegenüber Unterschieden, die politisch und gesellschaftlich als unwichtig gelten, leicht fällt bzw. daß die Bereitschaft, Unterschiede zu tolerieren, bedeuten kann, daß man sie nicht für wichtig hält. Als die Sprache wichtiger wurde, stieg die sprachliche Intoleranz; als Religion unwichtiger wurde, stieg die religiöse Toleranz.

2.
Am Rassismus, der in Deutschland seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert immer ernster genommen wurde, der zwischen 1933 und 1945 seinen Höhepunkt erreichte und der noch heute als populäre und bedrohliche Ideologie fortbesteht, läßt sich das zeigen: Der Rassismus wird vor allem mit dem richtigen Argument bekämpft, daß er erwiesener Unsinn ist. Charakteristische Unterschiede im Aussehen oder vorgebliche sonstige Unterschiede, die biologisch begründet werden, haben keine fundamentale Bedeutung für das Gemeinwesen und müssen daher eigentlich nicht toleriert werden. Sie sind selbstverständlich da und bedürfen keiner Legitimation. Die Rassisten selbst sehen das anders und sind daher in diesem Sinne intolerant. Die Bekämpfung der bis in die Bildungsschichten reichenden und noch immer starken rassistischen Stereotype verlangt also nicht eigentlich Toleranz, sondern eine Aufklärung verklebter Gehirne.

3.
Deutschland ist dank Einwanderungen vielfältiger und bunter geworden. Das braucht an dieser Stelle nicht im Einzelnen belegt zu werden; es genügt ein Gang durch die Städte – selbst die ostdeutschen Städte. Der verbreiteten Intoleranz gegenüber Immigranten wird nun immer wieder die Forderung nach Toleranz entgegengesetzt. Die Toleranz soll sich auf kulturelle Unterschiede richten und eigentlich die Anerkennung umfassen, daß sie die eigene Gesellschaft bereichern. Das ist richtig und freundlich. Der Rekurs auf Kultur ist gleichwohl zweideutig. Es stehen sich zwei Denkrichtungen gegenüber: Die eine läßt sich paradigmatisch an dem jährlich in Berlin zelebrierten „Karneval der Kulturen der Welt“ verdeutlichen. Er zeigt anschaulich, daß die zugewanderten Kulturen in der gleichen Stadt nebeneinander einen Platz finden und daß alle zu ihrer Lebendigkeit und erwünschten Vielfalt beitragen. Das schwäbische Restaurant kann friedlich neben dem türkischen, dem griechischen, dem italienischen, dem äthiopischen, dem amerikanischen, dem georgischen usw. koexistieren. Die Unterschiede werden nicht mühsam toleriert, sondern emphatisch begrüßt.
Auf der anderen Seite gibt es, oft aus dem gleichen Munde, auch einen Gegendiskurs. Die durch die Immigrationen entstandene kulturelle Vielfalt erscheint als Problem. Meist ohne weitere Begründung gilt eine angebliche „Parallelgesellschaft“ als Gefahr. An ihr werden Unterschiede gesehen, die nicht toleriert werden sollen – etwa wirkliche oder unterstellte Erziehungsstile türkischer und arabischer Familien, die Position von Frauen und Mädchen unter Muslimen, die gewaltbereite Absonderung türkischer und arabischer Jugendgangs und die elenden sozialen Perspektiven ihrer Mitglieder, usw. Ob und wieweit diese Befürchtungen fundiert sind oder nicht, läßt sich an dieser Stelle nicht differenziert prüfen. Auf jeden Fall zeigen die Befürchtungen, wo die gesellschaftliche Toleranz ihre Grenze findet und was in unserer Gesellschaft für wichtig gehalten wird und was nicht. Auch hier gibt es unfundierte Stereotypen, die ganz ähnlich den rassistischen Resten präsent und außerordentlich wirksam sind, obwohl sie falsch sind.
Aber manche dieser Befürchtungen werden auch von den Fürsprechern der kulturellen Toleranz geteilt.
Das zeigt sich im Verhältnis zum Islam. Tolerierbar ist offenbar nicht der offizielle saudi-arabische, sudanesische oder iranische Islam und erst recht sind es nicht deren terrorbereite Austriebe. Tolerierbar ist nur ein Islam, der mit der deutschen Verfassung und den in langer Geschichte mühevoll erkämpften und für unverzichtbar gehaltenen Errungenschaften der europäischen Aufklärung kompatibel ist. Da kann es geschehen, daß christliche oder weltliche deutsche Experten beanspruchen, besser über den Koran Bescheid zu wissen als die Gelehrten in Kairo oder Qom. Die Duldung hat eine Grenze, die argumentativ gezogen wird, aber dabei auch das Unverzichtbare definiert.
Tolerant muß man also nicht gegenüber der griechischen Eckkneipe sein und nicht gegenüber der türkischen Buchhandlung, zähneknirschend ertragen soll man allenfalls die kurdische Musik im Treppenhaus, weil man sie nicht gerne hört. Aber gegenüber dem, was man für religiösen Fanatismus hält, will man nicht tolerant sein. Die Grenze zwischen Tolerierbarem und nicht Nicht-Tolerierbarem ist hier nicht immer klar zu erkennen, aber es gibt sie, weil es Merkmale gibt, die für wichtig gehalten werden.

4.
Die Situation ist damit kategorial der des ausgehenden 17. Jahrhunderts vergleichbar. Intoleranz gilt gegenüber dem, was man nach seinen jeweiligen Begründungen für wichtig hält. Das aber kann sich ändern. Die Relevanzen des 21. Jahrhunderts sind andere als die des 17. Zugleich können die Auseinandersetzungen um das, was akzeptabel ist, sich gegen unsinnige und gefährliche rassistische oder kulturalistische Bestrebungen richten. Aber eine ernsthafte Diskussion darüber, was nicht tolerierbar ist, läßt sich eigentlich nicht vermeiden.

5.
Als provokantes Beispiel für bevorstehende Diskussionen: In einer Zeit, in der die innereuropäische Kommunikation, in der das deutsche Hochschulwesen, in der die auswärtige deutsche Kulturpolitik, in der die oberen Etagen der Wirtschaft auf die englische Sprache umgestellt werden und die meisten modernen deutschen Subkulturen und die populäre Musik sich ohnehin längst dominant auf englisch artikulieren, ist es sicherlich unsinnig und beleidigend, von den Immigranten weiterhin zu verlangen, sie sollten durch und durch deutsch werden. Das Deutsche wird ohnehin zunehmend zu einer Unterschichtensprache ohne kulturelles Prestige. Wäre es also nicht vernünftiger, sprachliche Toleranz zu üben – nicht im Sinne eines mühseligen Ertragens, sondern im Sinne eines „anything goes“. Dem Staat kann es heute gleichgültig sein, welche Idiome seine Bürger verwenden; die Bürger können die Vielfalt genießen und sich zur Not über die Sprachgrenzen hinweg auf Englisch verständigen. Nachdem das Gemeinwesen sich nicht mehr auf die Religion - wie in der frühen Neuzeit - und nicht mehr auf Sprache - wie im Zeitalter der Nationalgesellschaften - stützt, sondern auf Rechtsstaatlichkeit, Bürgerrechte und Menschenrechte, wäre es an der Zeit, auch die Sprache zur Tolerierung freizugeben und sich in der Festlegung des Nichttolerierbaren auf unabdingbare Verfassungsgrundsätze zu beschränken, statt eine Radikalanpassung an Lebensformen zu fordern, die eine kleine bildungsbürgerliche Subkultur für deutsch hält. 

Prof. Dr. Erhard Stölting, geboren 1942, ist seit 1994 Professor für allgemeine Soziologie an der Universität Potsdam. Seine Arbeitsschwerpunkte sind u. a. Geschichte der Sozialwissenschaften, politische Soziologie, gesellschaftliche Entwicklung Russlands und Hochschulwesen.