Großprojekte. Der Staat als überforderter Bauherr?

Großprojekte. Der Staat als überforderter Bauherr?

Explodierende Kosten, mehr als zwei Jahre Bauverzögerung: Kaum ein Bauprojekt steht derzeit so in der Kritik wie der Flughafen Berlin Brandenburg. Der Spott angesichts der Mängel und Pannen lässt in der (inter)nationalen Presse und am Stammtisch nicht nach. Es häuft sich jetzt vermehrt Kritik, die nicht nur das Chaos am Flughafen BER thematisiert, sondern den Staat als überforderten Bauherren ins Visier nimmt. Denn auch die jüngsten Erfahrungen aus anderen Großprojekten wie Stuttgart21 oder der Hamburger Elbphilharmonie zeigen deutliche Probleme: Bauprojekte der öffentlichen Hand laufen zeitlich aus dem Ruder und versinken im Preischaos.

 

Mit dem Architekturkritiker und Publizisten Wolfgang Kil sowie dem Bauingenieur Jens Liebchen sprachen wir über die Rolle des Staates bei der Umsetzung von Großprojekten. Zuallererst stand die Frage, ob der Staat geeignet ist als Bauherr von Großprojekten zu fungieren. Hier antworteten beide Referenten aus verschiedenen Perspektiven mit ja. Für Bauingenieur Liebchen gibt es eine klare rechtliche Grundlage und auch Aufgabe für die öffentliche Hand als Auftraggeber am Bau. Es gäbe klare Regeln, nach denen der Staat Bauaufträge vergibt und die Möglichkeit alle relevanten und kenntnisintensiven Bereiche der Planung auch an Unternehmer und Firmen auszulagern seien gegeben. Er sieht allerdings auch die Probleme, wenn Vergaberichtlinien den Staat dazu zwingen den günstigsten Unternehmer zu beauftragen, und Firmen, dies ausnutzen und von Beginn an zu niedrig dotierte Angebote erstellen, um danach höhere Kosten nachzuverhandeln. Eine generelle Überforderung bei Bauvorhaben sieht er nicht. Auch der Architekturkritiker Kil sieht es als wichtige Aufgabe des Staates als Garant für Infrastruktur, dafür zu sorgen, dass bestimmte Bauprojekte initiiert werden. Er mahnte an, das es bei diesen Vorhaben aber sehr darauf ankomme, dass auch die Bevölkerung in die politische Willensbildung und Entscheidung zu dem Bau des Vorhabens berücksichtigt wird. Er ordnete die Diskussion um den Flughafen in historisch und gesellschaftspolitisch ein, und verwies darauf, dass die Art von Projekten, die der Staat in Auftrag gibt, auch immer ein Spiegel der Zeit sind und so bewertet werden müssen. Er argumentierte, dass Bauvorhaben und die Planung von Großprojekten flexibel bleiben müsse, vor allem, wenn sich die Bauzeit und Planung über mehrere Jahre erstreckt. Auch Liebchen sah einen kritischen Erfolgsfaktor für die Planung von Großprojekten in der konkreten und soliden Bedarfsplanung im Vorfeld eines Bauprojektes. Sinn mache es auch Bauprojekte in kleinere Bauphasen zu zerstückeln, und den Aus und Weiterbau zu ermöglichen anstelle von einer Planung eines überdimensionierten Projektes.

 

In der Diskussion wurde zum Thema gemacht, wie die öffentliche Hand den Planungs und Bauprozess besser überwachen kann. Die Rolle des Aufsichtsrates und dessen Besetzung wurde diskutiert. Dies führte zu der Frage, welche Prioritäten bei der Planung von Großprojekten eine Rolle spielen sollen, und ob Funktionale Gebäude, wie ein Flughafen in einem demokratischen Staat als Repräsentationsbauten dienen. Dies wurde von der Mehrheit der Teilnehmenden nicht geteilt. Es wurde ebenso auf gelungene Planungen und Umsetzungen von Bauprojekten im internationalen Vergleich hingewiesen. Als positives Beispiel kam der Bau der Olympiastätten in London zur Sprache, die ihrer Funktionalität nach gebaut wurden und in der Nachnutzung auch zurückgebaut werden können. Der Vergleich mit Ländern wie China wurde ebenso diskutiert, aber eine Übertragbarkeit auf demokratische Gesellschaften verneint. Als ein kritischer Punkt für den Erfolg von Großprojekten wurde auch eine gelungene Prozessteuerung und Projektsteuerung verwiesen, die es schaffen muss alle Beteiligten Baufirmen und Sub-Unternehmer an einer gemeinsamen Planung und Bauvorhaben teilhaben zu lassen. Zusammenfassend waren sich die Teilnehmer/innen einig, dass der Staat wichtige Bauprojekte der Infrastruktur vornehmen sollte, kritisch hinterfragt wurde, wie der Planungs- und Bauprozess effektiver gestaltet werden kann.

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