Masse statt Klasse. Industrielle Tierhaltung in Brandenburg

Masse statt Klasse. Industrielle Tierhaltung in Brandenburg

85 Prozent der Deutschen verzehren täglich oder nahezu täglich Fleisch und Wurst. In Deutschland wird heute Fleisch so billig und in Massen produziert wie nie zuvor. Ermöglicht wird dies durch fortschreitende Industrialisierung der Landwirtschaft und die Ausweitung von Massentieranlagen, in denen oft mehrere tausend Tiere auf Schlachtgewicht gemästet werden. Auch in Brandenburg steigt die Anzahl von Großanlagen kontinuierlich an.  Dabei sind die schwerwiegenden Auswirkungen der Massentierhaltung auf Tier, Mensch und Umwelt bekannt: Belastung des Grundwassers mit Nitraten, Überdüngung der Böden durch die anfallende Gülle und die Entwicklung von Antibiotika-Resistenzen. Hinzu kommt die Belastung durch Lärm und Feinstaub für Anwohner/innen solcher Mastanlagen. Eckehard Niemann ist Mitbegründer und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und Mitkoordinator des Netzwerkes „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“. Mit ihm sprachen wir über die industrielle Tierhaltung in Brandenburg und deren Auswirkungen.

 

Er plädierte dafür, dass artgerechte Tierhaltung zum Standard wird, und verurteilte, dass das meiste Fleisch aus industrieller Tierhaltung stammt. Dabei sind seiner Ansicht nach Vegetarismus oder der Umstieg auf Biofleisch keine langzeitigen Alternativen. Niemann beleuchtete verschiedene Faktoren, die den Fleischkonsum in Quantität und Qualität bestimmen und zog dabei internationale Vergleiche. Stetig steigender Fleischkonsum wird durch Angebot und Nachfrage bestimmt, die sich gegenseitig bedingen Gründe für internationalen Unterschied in Verbrauch sind u.a. Religion, Reichtum, Kultur und vor allem auch in Gewohnheiten der Menschen. Der Referent betonte, dass dieser Aspekt nicht zu unterschätzen sei.

 

Ein Problem für artgerechte Tierhaltung und Landwirtschaft stellt die Überproduktion von Fleisch dar, die zu starkem Konkurrenzkampf und Preisverfall führt, mit dem eine biologische Erzeugung nicht mithalten könne. Der Referent erläuterte wie große Konzerne die kleinen verdrängen, und nur wenige Konzerne das Erbgut und die Futtermittelherstellung kontrollieren. Die Frage stellte sich den Teilnehmer/innen, wie man zurück zur artgerechten (wenn nicht ökologischen) Haltung kommen kann. Niemann machte auf die Situation der Bauern und der Haltungen in Deutschland aufmerksam, es müsste die Möglichkeit auch für bäuerliche Landwirtschaften geben genügend Fläche zu erschwinglichen Preisen zu erhalten. Die Konstanten der Tierhaltung (Auslauf, Futter, Einstreu etc) würde am ehesten durch Regularien des Emissions- und Lärmschutzes für die Ställe geregelt werden, sowie für Flächenbindungen. Die EU sei ebenso ein entscheidender Faktor, da sie Richtlinien und Rahmengesetzgebungen erlassen könnte (Schweinehaltungsrichtline). Zum Thema gemacht wurden auch die spezifischen Verhältnisse in Ostdeutschland nach der Wende, in denen große Betriebe und Flächen frei wurden, was heute viele Investitionsmöglichkeiten für Konzerne bedingt. Der Referent zeigte sich aber positiv gestimmt, dass eine Re-Organisation der Landwirtschaft hin zu einer kleineren bäuerlichen Landwirtschaft noch möglich sei, nach dem Prinzip „ Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ gegen globalen Konkurrenzkampf für Kollegialität. Er ging auch auf die tragende Rolle der Zivilgesellschaft vor Ort ein, die politische Entscheidungen herbeiführen und erzwingen müsste.

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