Eisenkinder. Die stille Wut der Wendegeneration

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Für viele Jugendliche waren die unmittelbare Erfahrung des Endes der DDR und das Chaos der Nachwendezeit nicht nur mit Aufbruch, Freiheit und Wiedervereinigung verbunden, sondern vor allem auch mit Ungewissheit und Orientierungslosigkeit. So beschreibt Sabine Rennefanz die Nachwendezeit in ihrem aktuellen Buch „Eisenkinder“.  Darin fragt sie, was mit der jungen Generation damals passiert ist, deren Heranwachsen durch den Systemwechsel geprägt war. Sabine Rennefanz wuchs in Eisenhüttenstadt auf und studierte nach der Wende Politikwissenschaften in Hamburg. Sie arbeitete zunächst als freie Journalistin, heute als Redakteurin bei der Berliner Zeitung. Ihr Essay „Uwe Mundlos und ich“ wurde mit dem deutschen Reporterpreis ausgezeichnet. In unserem Grünen Salon zum Thema beschrieb Sie anhand Ihres Buches ihre eigene Biografie und stellte mit uns die Frage, was ihre Generation ausmacht und wie sich der Umbruch in den 1990er Jahren auf die Jugendlichen auswirkte. Anhand ihrer eigenen Biografie beschrieb Rennefanz eine Jugend zwischen zwei Ländern, als geprägt von einer Orientierungslosigkeit, die „die Eisenkinder“ auf der Suche nach Halt und Identität auch anfällig machte für die Verheißungen radikaler Weltbilder und Ideologien. Sabine Rennefanz leitete das Gespräch mit einigen Worten zum Hintergrund ihres Buches und ihrer eigenen Biografie ein. Sie erklärte, dass sie sich als Reaktion auf die Enthüllungen im Zusammenhang mit dem sogenannten NSU und ihrer Wut über die darauf mit Klischees aufgeheizte Ost-West-Debatte auch aus eigener Perspektive damit auseinandersetzte, wie die Nachwendezeit ihre Jugend beeinflusste. Sie argumentiert, dass eine Hinwendung zu radikalen Ideen grundsätzlich möglich ist. Sie beschrieb den sozialen Anschluss und die Identität innerhalb einer Gruppe, der Halt und Wahrheit verspricht, als den entscheidenden Faktor. Das Ausbrechen aus dem Mainstream und das Entkommen aus dem Stigma der „Ostlerin“ waren für Sie persönlich Gründe für die Hinwendung zu einer evangelikalen Sekte in ihrer Studienzeit. Sie verdeutlichte dies durch die Lesung aus ausgesuchten Stellen ihres Buches. 

 

In der Diskussion besprachen die Teilnehmer/innen mit der Moderatorin und der Referentin verschiedene Aspekte, die sich sowohl auf die Prägung der Jugend heute und damals durch historische Umstände und die Erfahrung der Wendezeit auswirken, welche Rolle verschiedene Autoritäten spielten und warum die Auseinandersetzung zwischen „Ost und West“ auch heute noch von Stereotypisierungen geprägt ist. Zu bedenken sei in jedem Fall die Vielfältigkeit der Wendeerfahrung regte die Referentin an, ebenso fehle bis heute eine Anerkennung und Wertschätzung dieser im gesamtgesellschaftlichen Kontext der Debatte. Für die Generation heute bescheinigte Rennefanz die Chance zur Aufarbeitung der Geschichte, die noch genauer auch durch Gespräche mit Eltern und Zeitzeugen zu gestalten sind. Sie bezog sich auch auf die Arbeit der Initiative 3. Generation Ost. Ebenso wurde thematisiert, wie die Referentin die Nachwendezeit und Erscheinungen des Rechtsextremismus in ostdeutschen Bundesländern zusammenbringt. Sie beschrieb, dass Sie ihr Buch nicht als Entschuldigung oder gar Solidarisierung mit Rechtsextremen Verhalten und Ansehen verstanden wissen möchte. Sie kann aber feststellen, dass Radikalität durch Strukturverlust und fehlende Anerkennung mancher Jugendlichen in der Nachwendezeit durchaus als Erklärungsfaktoren herangezogen werden können. Die Referentin schloss mit einem Wunsch nach einer anderen Ost-West Debatte, einem Dialog auf Augenhöhe, der die Vielfalt der Erfahrung schätzt.

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