Dem Wandel auf die Sprünge helfen – Cradle to Cradle und Clean Technology

Dem Wandel auf die Sprünge helfen – Cradle to Cradle und Clean Technology

War es in den vergangenen dreißig Jahren der Stolz von Managern und Konzernen, Stellen wegzurationalisieren, so müsse es heute gelten, natürliche Ressourcen zu schonen und giftige Stoffe aus allen Lebensbereichen „wegzurationalisieren“, beschreibt Fritz Kuhn, MdB für die Grünen, das Ziel einer zukunftsorientierten Wirtschaft. Dabei sei einerseits der Markt wichtig, der attraktive Produkte bevorzugt, andererseits sei als Anschub die Politik gefordert: Ohne staatliche Anreize für mehr Elektro-Autos und die Abschaffung von verdeckter Subvention für benzinfressende Firmenwagen kann ein grüner Wandel nur schwer gelingen.

Die Niederlande sind bereits sehr erfolgreich auf solchen neuen Pfaden unterwegs. Das Konzept heißt Cradle to Cradle (C2C, von der Wiege zur Wiege). Dies bedeutet, dass Produkte nicht mehr ohne Rücksicht auf Ressourcenerhaltung produziert, sondern in einem Rohstoffkreislauf hergestellt werden. So entstehen keine Abfälle mehr, deren Entsorgung immense Kosten und Umweltschäden verursachen. Ein Kühlschrank kann immer wieder ein Kühlschrank werden oder aus allen seinen Bestandteilen etwas anderes. Wichtig ist die Reinheit und hundertprozentige Umweltverträglichkeit aller Komponenten eines Produkts.

Auch in Deutschland gibt es bereits Firmen, die nach dem Prinzip der Ökoeffektivität des deutschen Chemikers Michael Baumgart arbeiten, der das C2C-Design mitentwickelt hat. Mona Ohlendorf, Designerin bei Trigema, erklärt die grüne Revolution am Beispiel des ersten vollständig abbaubaren T-Shirts, das die schwäbischen Mittelständler von Trigema entwickelt haben. Es ist komplett kompostierbar und die entsprechende Wertschöpfungskette transparent. Mit Biobaumwolle allein ist unsere Kleidung noch nicht sauber, so die junge Modedesignerin. Welche Energie wird für die Produktion genutzt, welche Transportmittel kommen zum Einsatz und wie bleiben die Preise sozialverträglich? Das Produkt selbst, aber auch der ganze Herstellungsprozess stellen eine ganzheitliche Herausforderung dar.
Nach dem C2C-Prinzip gibt es keinen Abfall mehr, sondern nur technische und biologische Kreisläufe, in denen alles weiter verwertet wird. Tanja Scheelhaase, EPEA Internationale Umweltforschung GmbH, spricht dabei ganz offen von erlaubter Verschwendung: „Was ökologisch hundertprozentig recyclebar ist, muss auch ausschweifend konsumiert werden dürfen.“ Dem widerspricht Justus von Geibler vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie, und auch aus dem Publikum kommen Einwände. Geibler betont, dass vor allem genauer definiert werden müsse, was als CleanTech firmieren darf und welche Kriterien im Bereich der Anwendung erfüllt werden müssen: Die Gefahr sieht er darin, dass Firmen nur halbherzig auf saubere Technologien umsatteln, aber vom zukünftigen positiven Marketing-Effekt voll profitieren wollen. Stellten etwa Solarzellen an sich eine zukunftsweisende Technologie dar, seien sie jedoch nur als CleanTech akzeptabel, wenn auch der Produktionsweg, die benutzte Energie bei der Herstellung der Module und ihre Recyclebarkeit gesichert wären, erklärt Geibler. Aus Sicht des Wuppertal-Instititutes müsse immer der Anwendungskontext bei der Bewertung mit einbezogen werden. Das heißt, ob und wie CleanTech-Produkte und -Technologien sinnvoll und nachhaltig zum Einsatz kommen, muss immer berücksichtigt werden: Wird für die Dämmung eines Hauses Isoliermaterial benutzt, dessen Herstellung und Transport mehr Energie verschlingen, als letztlich durch das Dämmen gespart würde, verlagere sich das zu lösende Problem nur. Genaue Kosten-Nutzen-Analysen unter Einbeziehung aller Faktoren der Wertschöpfungskette seien deshalb unabdingbar.

CleanTech und das C2C-Konzept sollten nicht zu künstlichen Gegensätzen einer akademischen Diskussion werden, mahnt die Brandenburger Grünen-Chefin Annalena Baerbock aus dem Publikum. Beide zukunftsweisenden Konzepte gehörten zusammen, wobei C2C nicht als Freibrief zur Verschwendung verstanden werden sollte. Auch das Problem des Ausweitens der Nutzung landwirtschaftlicher Flächen für biotechnologische Prozesse werde nicht durch eine Attitüde: „Weiter so konsumieren – Hauptsache C2C“ gelöst, moniert Geibler. Schon heute sei die Bundesrepublik ein Nettoflächenimporteur. Das heißt, es werden mehr Biogrundstoffe für unsere Industrie verbraucht, als bundesdeutsche Flächen hergeben. Also wird importiert. Selbst wenn zusätzliche Flächen für Biomasseherstellung freigegeben würden, ließe sich der bundesdeutsche Bedarf allein aus hiesiger Landwirtschaft nicht decken.

Auch im Land Brandenburg ist Ökotechnologie laut Henning Heidemann, Staatssekretär im Landtag, auf dem Vormarsch, nenne es sich nun CleanTech oder Green Technology. Doch, so der Wirtschaftspolitiker, wird der Weg nur begehbar und ausbaufähig, wenn alle überzeugt und in die Entwicklung einbezogen würden. Ein mahnendes Beispiel dafür sei die Windradpolitik. Obwohl Brandenburg bundesweit bei erneuerbaren Energien Spitze ist, akzeptieren – ebenfalls bundesweit verglichen – nur die Wenigsten ein Windrad vor der eigenen Tür. Zum Ausdruck kommt dies in mittlerweile über dreißig Anti-Windrad-Initiativen. Der Schlüssel für die Vermeidung solcher Diskrepanzen liege in der Bürgerbeteiligung. Im brandenburgischen Schlalach und in Dardesheim in Sachsen-Anhalt hat dies exzellent funktioniert. Dort wurde gemeinsam mit den Bürgern überlegt, wo ein Windpark entstehen soll. Über ein Flächenpachtmodell, dass die Grundstückseigentümer der Kommune gleichberechtigt einschließt, profitieren alle Dorfbewohner davon.

Die Designerin Ohlendorf berichtet ebenfalls von diesem Ringen um Akzeptanz: Anfangs wollte niemand die T-Shirts kaufen, nur weil es hieß, sie seien kompostierbar. Beispiele müssen Schule machen, meint dazu Staatssekretär Heidemanns. Es sei wichtig, gute Projekte zu entwickeln und sie sichtbar zu verwirklichen. Auf die Frage von Inka Thunecke, Geschäftsführerin der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg, ob denn angesichts der Klimakatastrophe noch so viel Zeit bleibe, antwortet Fritz Kuhn: „Für gute Beispiele ist immer Zeit, muss immer Zeit investiert werden.“ Partizipation spiele dabei eine große Rolle. Um wirtschaftlich, technologisch, aber erst recht ökologisch und sozialpolitisch mitzuhalten, müssen auch in der Bundesrepublik viele Leute viele kleine Schritte tun, bis die Welt besser wird. Das beginne beim Sparen von Strom und anderen Ressourcen und höre beim intelligenten Konsum auf. Letztlich schaffe die CleanTech-Industrie Arbeitsplätze, so Henning Heidemanns. Damit könne den Menschen auch die Angst vor dem Strukturwandel genommen werden – gerade in Brandenburg.
In den Niederlanden waren es Politik und Wissenschaft Hand in Hand, sowohl auf kommunaler als auch auf Landesebene, die die ersten Schritte hin zu einer sauberen und erfolgreichen Zukunft setzten. „C2C fand dort überwältigenden Anklang, weil es sinnvoll, logisch und intelligent ist“, beschreibt Scheelhaase die Situation. In deutschen Ländern und Kommunen muss dagegen noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden, weiß die Juristin Vanessa Hübner, Berliner Energieagentur, die dort für „Buy smart“verantwortlich ist. Mit dieser Kampagne werden Kommunen angehalten, beim Neukauf kommunaler Technik auf C2C und GreenTech zu achten. Doch gäbe es immer noch kein bundesweites Monitoring, wo derartiges über Ländergrenzen und Kommunen hinweg kommuniziert werde, so Fritz Kuhn. „Jedem Unternehmen sollte klar sein: Wer heute nicht Geld und Zeit in Green Technology investiert, wird in zwanzig Jahren alt aussehen. Nur wer Visionen von CleanTech hat – vergleichbar mit der Idee vom Fliegen – wird in der Zukunft Bestand haben: Mit ökonomischem Erfolg in einer sauberen Umwelt“, appellierte die Designerin Ohlendorf an das Publikum. Thüringen wolle, so Prof. Dieter Sell von der dortigen staatlichen GreenTech-Agentur, dabei zum Vorreiter avancieren. Schauen wir, ob es gelingt.

 

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