Nachhaltigkeit buchstabiert: Resilienz

Nachhaltigkeit buchstabiert: Resilienz

ResilienzUrheber/in: Margaretha Rebecca Hopfner. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Verwendung des Begriffs „Resilienz“, ein zunächst etwas sperrig klingendes Wort, hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen – wenn auch mehr im englischsprachigen Raum und dort zunächst eher im Feld der Psychologie.

Für mich gehört der Begriff sehr viel stärker in den Bereich der Ökosysteme. Die Anpassung von Flora und Fauna an äußere Veränderung – und das möglichst ohne größere eigene Veränderung. Man könnte auch sagen: Widerstandsfähigkeit. Zunächst einmal kann Resilienz in diesem Sinne als positiv bewertet werden, ist es doch von großem Vorteil, wenn sich Lebewesen an wandelnde Lebensbedingungen anpassen können.

Die nachfolgende Einordnung des Resilienz-Begriffs in den Kontext von globaler Erwärmung und Klimawandel zeigt mir jedoch, dass Resilienz auch seine Schattenseiten hat.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts lassen sich erste Anzeichen von globaler Erwärmung nachweisen, im Grunde seit Beginn der Industrialisierung. In den letzten 30 bis 40 Jahren ist dabei der Begriff „Klimawandel“ zunehmend in den wissenschaftlichen und auch politischen Raum getreten, mehr und mehr versehen mit dem Attribut „menschengemacht“. Für die Klimaforschung heißt das grob: Die Zahl der Extremwetterereignisse steigt an, es gibt mehr Dürren, mehr Überflutungen, mehr Stürme und mehr Hitzewellen. Dies als Folge der Industrialisierung unserer Gesellschaft, die sich in einem Anstieg des Kohlendioxidausstoßes und dadurch steigenden Durchschnittstemperaturen bemerkbar macht. Für Flora und Fauna wie auch für den Menschen bedeutet das: anpassen.

Für Brandenburg im Konkreten ist davon auszugehen, dass mit mehr Hitze und mehr Trockenheit zu rechnen sein wird. Das heißt also, Pflanzen und Tiere müssen sich daran gewöhnen, mit weniger Wasser auszukommen und zugleich resistenter gegen höhere Temperaturen zu werden. Manche Arten werden damit zurechtkommen, andere wiederum werden vermutlich weiter nach Norden wandern, in kühlere Gefilde. Zeichen von Resilienz.

Und ist das nun gut oder schlecht, wünschenswert oder nicht? Ein natürliches Maß an Anpassungsfähigkeit ist gesund und notwendig. Das hat sich die Natur schon gut ausgedacht. Aber eine vom Klimawandel erzwungene Resilienz, die ist eben nicht natürlich. Und so können die meisten Pflanzen und Tiere oder gar Ökosysteme mit der vom Menschen gemachten Erderwärmung im wahrsten Sinne des Wortes eben nicht leben.

Wenn wir so weitermachen, dann wird es beispielsweise Korallenriffe auf diesem Planeten kaum mehr geben. Denn Korallen können sich zwar an eine Wassertemperaturerwärmung von bis zu 0,8 Grad Celsius anpassen, aber wenn wir von einer globalen Erwärmung von 2 Grad Celsius bis zum Jahr 2100 gegenüber dem vorindustriellen Niveau ausgehen – und selbst dieser Wert ist schon extrem optimistisch –, sind bis zu 98 Prozent des heutigen Korallenbestandes langfristig gefährdet. Und auch wenn wir Menschen oftmals meinen, dann helfen wir der Natur eben etwas nach und züchten Arten, die widerstandsfähiger sind – selbst wenn sie dadurch mehr und mehr nicht mehr ihrem ursprünglichen Naturell entsprechen –, dann hat diese künstliche Ausweitung der Resilienzfähigkeit ihre offensichtlichen Grenzen.

Daher ist es mir persönlich so wichtig, dass wir im klimapolitischen Diskurs nicht nur noch von Anpassung statt von Minderung sprechen. Vielmehr gilt es, das Übel an der Wurzel zu packen, anstatt die Symptome zu bekämpfen. Nicht die Umgebung soll sich an den Klimawandel anpassen, sondern wir müssen unseren Lebensstil anpassen und unsere Gesellschaft umbauen, um dem Klimawandel Einhalt zu gebieten. Dazu ist es höchste Zeit, denn die Resilienzfähigkeit von Lebewesen, die Menschheit eingeschlossen, hat ihre natürlichen Grenzen.

 

Der Beitrag von Annalena Baerbock steht in der Reihe "Nachhaltigkeit buchstabiert". Mehr unter www.nachhaltigkeit-buchstabiert.de

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1 Kommentar

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Julian Gröger

schöner Gedanke. Auch ich befürchte, dass man aufgibt, wenn man im internationlane Kontext mehr und mehr von Anpassung (adaptation) und weniger Minderung (mitigation) spricht.
Und zur Züchtung: Kein Menschenhirn kann so schlau und ganzheitlich Resilienz züchten, wie die Natur selbst - also lieber die Finger davon. Unsere Aufgabe ist es, vor unserer Tür zu kehren, sprich schlauere Formen des Wirtschaftens und Lebens zu finden und Empathie für globale Zusammenhänge in die Herzen von uns Menschen zu pflanzen.