Nachhaltigkeit buchstabiert: Suffizienz

Nachhaltigkeit buchstabiert: Suffizienz

Fahrrad auf ParkplatzUrheber/in: Daniel Oines. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Suffizienz oder:
„Was wird einem Menschen ausreichen, dem die ganze Welt nicht genug ist?“
 

Sed quid erit homini satis, cui totus non sufficit orbis? Diese Frage galt dem Eroberer Alexander dem Großen, der unermüdlich danach trachtete, Besitz, Reich und Einfluss zu vergrößern. Ein typischer und überaus erfolgreicher Protagonist der Menschheitsgeschichte. „The world is not enough“ lautet das Motto der fiktiven Familie des James Bond. Dies wäre auch ein geeigneter Wahlspruch des modernen Homo oeconomicus, der inzwischen immer größere Mühe hat, die Grenzen des Wachstums auf unserem Planeten nicht erkennen zu müssen.

‚Die Erde ist nicht genug‘ hat angesichts der Erschöpfung natürlicher Ressourcen eine andere Bedeutung bekommen, und die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Es muss irgendwann auch einmal genug sein, suffizient! Suffizienz beschreibt als moderne Antithese zum Zuvielhabenwollen oder gar zur Habgier die Lebenseinstellung des wahrhaftig nachhaltig lebenden Menschen, welcher nicht durch unersättlich-egoistischen Konsum die Kräfte des freien Marktes entfesselt. Suffizienz ist die logische Antwort auf die Entdeckung des Rebound-Effektes: Effizienterer Konsum führt allein nicht zu weniger Konsum; es geht eben auch um eine Deckelung – idealerweise auf Grundlage der Einsicht dessen, dass weniger genug sein kann. Aber wie einsichtig sind wir Menschen? Sind wir im Kern suffiziente Wesen, die nur von den Verlockungen der Verfügbarkeit und der omnipräsenten Werbung korrumpiert werden? Werden wir fair und nachhaltig geboren, um dann kulturell zu kurzsichtigen, auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Egoisten programmiert zu werden? Oder sind wir von Natur aus Besitzsammler und Verschwender? Ist das Konstrukt der Suffizienz zwar kulturell attraktiv, aber widernatürlich?

„Die egoistischen Wesen existieren nur in der Imagination des Ökonomen“, schreibt die Professorin für Ökonomie und Philosophie Silja Graupe (S. Graupe 2014. Hinein ins volle Menschenleben. Böll Thema 1/2014: 3-5.) Doch wie steht es eigentlich um die wissenschaftliche Untermauerung dieser ideologisch anmutenden These? Geht diese Annahme auf die romantische Idee des noblen Wilden zurück, der erst durch die falsche Kultur ‚verbildet‘ wird?

Die Kooperationsforschung, die sich mit Fairness von sozialen Tieren beschäftigt - besonders interessant natürlich bei Affen und Menschen - liefert durchaus Hinweise darauf, dass Egoismus und Besitzenwollen nicht allein Folgen einer fehlgeleiteten Kultur darstellen, sondern tief in uns verankert sind. Und das Studium der verschiedenen Kulturen dieser Welt erlaubt die Erkenntnis, dass es in den meisten Gesellschaften Menschen gab, die mehr wollten und mehr hatten und davon auch noch profitierten. In den meisten Lebensräumen des Menschen war es von unmittelbarem Vorteil, vorzusorgen, sich den Zugang zu Ressourcen zu sichern bzw. sie zu sammeln und für schlechtere Zeiten vorzuhalten. Besitz und auch die Demonstration des Besitzstandes mit Hilfe von Statussymbolen verschaffen Individuen Vorteile wie etwa den Zugang zu Führungspositionen, welche wiederum die Akkumulation von Besitz erleichtern. Menschen neigen dazu, sich ‚mit fremden Federn zu schmücken‘, um großartiger und bedeutender zu wirken. Der Federschmuck mutierte im Laufe der kulturellen Evolution zu Kronen, exotischen Gewändern und Schlössern sowie letztlich auch zu Armani-Anzügen, Sportwagen und Mega-Yachten. Viele kulturelle Besonderheiten und Errungenschaften – z.B. Architektur, Modekunst, Technologie - wurden nur möglich durch den unbändigen menschlichen Wunsch nach MEHR, GRÖSSER, WEITER, SCHNELLER, AUSSERGEWÖHNLICHER … In der Geschichte waren es in der Regel Einzelne, die sich solche Wünsche auf Kosten anderer erfüllen konnten. Mit dem Einsatz von Blut, Schweiß und Tränen schraubte sich die Kultur empor – von den Faustkeilen und Holzkeulen zu Facebook und Satellitensystemen. Konvergent trachteten die Menschen auf den verschiedenen Kontinenten danach, durch immer größeren Einsatz von Bausubstanz, mit den Göttern zu kommunizieren oder einfach nur Spuren zu hinterlassen und sich gegenseitig zu beeindrucken – sonst gäbe es keine Kathedralen, Pyramiden oder kilometerhohe Wolkenkratzer. Bauwerke und Kunst symbolisieren auch heute noch den Fortschritt menschlicher Entwicklung. Einer Entwicklung, die bislang v.a. als Bestreben definiert werden kann, sich von den Fesseln der Abhängigkeit von den lokalen Ökosystemen zu befreien.

Das Streben nach mehr, als für das gute Leben genügt, ist allerdings nicht allein ein Wesenszug von vermeintlich Größenwahnsinnigen und von Potentaten. Auch die ‚weniger entwickelten‘ und ‚einfachen‘ Menschen sind meist nicht gefeit gegen die materiellen Verlockungen ressourcenintensiver Versorgungssysteme, welche auf Überschussproduktion und Wachstum bauen.

An dieser Stelle kann keine Kulturgeschichte des Habenwollens und des Sich-Nicht-Begnügens geschrieben werden, doch es scheint Indizien zu geben, dass Menschen die Suffizienz von Natur aus eher fremd ist. Diese realistische Reflektion sollte nicht als apologetisch abgetan werden oder zu Fatalismus führen. Unsere ‚Schwächen‘ zu erkennen und anzunehmen, anstatt unsere natürlichen Eigenschaften ideologisch zu leugnen, kann eine wichtige Basis für Nachhaltigkeitsstrategien sein.

Ebensowenig soll hier die Evolution der Suffizienz in natürlichen Systemen untersucht werden. Doch es lohnt sich, die Funktionsweisen von ökologischen Systemen zu studieren, welche unter dem Zwang zur Effizienz und der Notwendigkeit der Resilienz (gegenüber unvorhersehbaren Störungen und Veränderungen) danach trachten, immer mehr (Bio-)Masse anzulegen. Je mehr Sonnenenergie in einem Ökosystem in chemische Energie umgewandelt und für spätere Verwendung abgelegt werden kann, desto komplexer und diverser werden diese Systeme und desto mehr emergente Eigenschaften führen zu Selbstregulation und der Beeinflussung der eigenen Umwelt. In der Natur ist VIEL nie GENUG. Selbstregulation von Ökosystemen führt nie zu Selbstbeschränkung. Die Grenzen des Wachstums werden extern diktiert und ergeben sich aus den grundlegenden physikalischen Gesetzen bzw. Ressourcenmangel (z.B. Schwerkraft, Mangel an Nährstoffen, Raum, Energie etc.). Wir können zwar viel von der Funktion komplexer natürlicher Systeme lernen, … aber Suffizienz eher nicht direkt. Allenfalls indirekt, indem wir studieren, wie ökologischen Systemen immer auch die Option des Zerfalls und des Kollapses offensteht, wenn kritische Kipppunkte überschritten werden.

Aber es gibt ja auch gute Nachrichten. Der moderne Mensch ist ein komplexes Wesen, welches nicht nur instinktiv primitiven Trieben folgen muss, sondern dank ausgeprägter Fähigkeit zu Abstraktion, Selbstreflektion, Zukunfts- und Todesbewusstsein auch lernt, (zum eigenen Vorteil!) moralisch zu denken und zu handeln sowie bei entsprechender Zivilisierung Antriebe des Eigennutzes auch mehr oder weniger gut zu unterdrücken. Aber ohne Zweifel ist ein nachhaltiges, suffizientes Leben für viele Menschen eine kulturelle Kraftanstrengung. Daher mag es unfair bzw. unrealistisch sein, zu sehr auf die Einsicht des Einzelnen zu setzen. Vielmehr geht es um die Schaffung angemessener gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Da Menschen gemeinhin nicht altruistisch sind, erscheinen Anreize angebracht, die einen Kulturwandel befördern können. Die existenzielle Absicherung des Individuums durch die Gemeinschaft ist das Mindeste, aber v.a. muss dasjenige Engagement belohnt werden, welches nicht auf die Mehrung von Besitz und Konsum abzielt, sondern eine Verbesserung von nichtmateriellen Lebensbedingungen bedeutet und damit zu einer ‚besseren‘, friedlicheren, gerechteren und Wohlergehen stiftenden Gesellschaft führt. Eine Belohnung von Aktivitäten ohne Gewinnabsicht erscheint widersinnig, kommt aber unserem Naturell entgegen (‚Altruismus‘ gegen Anerkennung). Es geht um gesellschaftliche Anerkennung, aber auch um die finanzielle Förderung z.B. von ehrenamtlichen Tätigkeiten, Stipendien für Engagierte etc.

Die Rahmenbedingungen einer suffizienten Kultur müssen wohl auch wesentlich durch eine entsprechende Arbeit mit Kindern und Jugendlichen geschaffen werden. Verbindliche Kinder- und Jugend-Dienste für die Gemeinschaft wurden und werden bedauerlicherweise durch totalitäre Regime in Misskredit gebracht, bergen jedoch enormes Potenzial als sozialer Kitt für eine suffiziente Gesellschaft, in der der Einsatz für andere sinn- und reputationsstiftend wirken kann. Jeden Tag eine gute Tat anzustreben, kann nicht völlig falsch sein, allerdings sollte sie nicht durch uniformistische oder gar militaristische Organisationen erzwungen werden.

Grundlegende Änderungen müssen im Bildungssystem erfolgen: Wir müssen viel mehr uns selbst verstehen lernen und angehalten werden, darüber nachzudenken, warum wir sind, wie wir sind. Dabei geht es nicht um Schüler nervende ‚Laberfächer‘, sondern um neuartige didaktische Konzepte, die von den anthropologischen und ökologischen Grundlagen ausgehend, Elemente der Psychologie, Philosophie, Geschichte und Ethik verbinden, um die Funktionsweise und den Wert unserer sozialen Systeme besser zu erkennen. Alles muss verbunden werden durch die Befähigung, komplexe Zusammenhänge und Gefüge besser zu verstehen. Weder die traditionellen Einzel-Disziplinen, noch die oftmals von nur einseitig geschulten Lehrkräften unterrichteten LER-Fächer (Lebensgestaltung-Ethik-Religion) leisten bislang, was hier benötigt wird. Natürlich soll es bei einer solchen Bildung nicht um den erhobenen Suffizienz-Zeigefinger gehen und auch nicht um ideologisch oder religiös beeinflusste einfache Lösungsansätze. Vielmehr geht es um die Befähigung, überhaupt die Frage stellen zu können, was ein gutes und gelungenes Leben ausmacht. Dies schließt die kritische Reflektion von Lebensstilen ein, welche die Freiheit des Individuums optimieren, dabei aber Schaden für die Gemeinschaft und deren Lebensgrundlagen generieren.

Keine wirklich neue Forderung: An den Hochschulen muss den jungen Erwachsenen mehr universelle Bildung angeboten werden, welche nicht direkt und kurzfristig zur Beschäftigungsfähigkeit führt (die ohne Zweifel erlangt werden muss), sondern v.a. auch zu kritischen und holistisch denkenden Bürgern. Der Staat muss den Menschen mehr Gelegenheit geben, Werte jenseits des Materiellen zu entdecken. Dies würde mit größeren Kosten und Investitionen einhergehen, die nicht direkt in Produktionssteigerung und Wirtschaftswachstum übersetzt werden. Und so sollte es ja auch sein. Und wie wäre es, wenn alle Bürger in verschiedenen Lebensphasen – in und nach der Schulzeit, im und nach dem Berufsleben - ihrem jeweiligen Potenzial gerecht werdend, zu gemeinschaftlichem Engagement verpflichtet wären? Dies würde den Steuerzahlern Ausgaben ersparen, Lebenssinn stiften, die Gemeinschaft stärken und die Notwendigkeit sinnlosen Konsums beschränken. Die Herausforderung besteht darin, ein entsprechendes Modell einzuführen, welches nicht im Verdacht stünde, die Freiheit der Menschen in unangemessener Weise zu beschränken.

Die ganze Welt ist uns nicht genug, und das soll so bleiben – zumindest unseren Gedanken, Ideen und Träume dürfen keine Grenzen gesetzt werden.

Eberswalde, im Juli 2014

 

Der Beitrag von Pierre Ibisch steht in der Reihe "Nachhaltigkeit buchstabiert". Mehr unter www.nachhaltigkeit-buchstabiert.de

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