Nachhaltigkeit buchstabiert: Vielfalt

Nachhaltigkeit buchstabiert: Vielfalt

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Nachhaltigkeit buchstabieren – V wie Vielfalt

Auch wenn V ganz weit hinten im Alphabet steht, so steht für mich doch Vielfalt ganz vorn – die Vielfalt des Lebens. Welch eine Entwicklungsgeschichte hat sich da vollzogen, dass aus unbelebten Molekülen Pflanzen und Tiere entstanden! Aber auch die unbelebte Materie ist von einer so großen Vielfalt, dass wir in unserem Menschenleben nur einen Bruchteil davon erfassen können. Die Vielfalt der Natur erfüllt mich immer wieder mit Staunen und Ehrfurcht.

Als wir 1999 mit Freunden eine Reise durch Südafrika und Namibia machten, beeindruckte mich die Geografie der einzelnen Regionen, die wir durchquerten, ganz besonders. Hier zu Hause in Deutschland, wo fast überall üppige Vegetation die Erde bedeckt, sehen wir wenig vom Fels, von den Steinen, vom Boden, auf dem das Leben gründet. Ganz anders im südlichen Afrika: Manchmal hatte ich den Eindruck, dass die Steine an der Erdoberfläche nicht nur aus dem gleichen Material waren wie die felsigen Berge, die die Landschaft prägten, nein, sie hatten sogar die gleiche Form. Mal schwarz und kugelig mit glatter Oberfläche, mal wie schrumplige Kartoffeln und an andere Stelle splittrig und schroff. So als wären sie die Kinder dieser Berge. Oder die Wüsten. Im Landesinneren Steinwüste so weit das Auge reicht. An der Küste ist sie dann aus gelbem Sand, so wie ich mir als Kind die Wüste vorgestellt hatte. Und dann der unvergessliche Anblick der roten Dünen in der Namib - eine unglaubliche Vielfalt an Formen und Farben, die von Wind, Licht und Schatten ständigen Veränderungen unterworfen sind.
Bei aller scheinbaren Kargheit wies jede dieser Landschaften bei näherem Hinsehen eine Vielfalt an Lebewesen auf. Tiere und Pflanzen, die sich genau an diese Lebensräume angepasst hatten. Die wie die Tok Tokkies in der Namibwüste faszinierende Mechanismen entwickelt hatten, an das lebensnotwendige Wasser zu kommen. Diese Käfer werden auch Nebeltrinker genannt, weil sie förmlich Kopfstände machen, um mit ihren Hinterbeinen das Wasser aus den über die Wüste ziehenden Nebelschwaden zu gewinnen. Ebenso faszinierend die Welwitschie, eine Pflanze deren einziges Blattpaar, die beiden Keimblätter, nur sehr langsam aber endlos wächst und die das Wasser wohl allein aus großer Tiefe aus dem Wüstenboden zieht. Sie wäre längst ausgestorben, hätte sie nicht eine Lebensdauer von mehreren hundert Jahren. Denn die Samen können nur dann keimen, wenn es langanhaltend geregnet hat und der Boden ganz durchfeuchtet ist, was dort nur im Abstand vieler Jahre geschieht.

So wie Pflanzen und Tiere sich selbst an uns lebensfeindlich erscheinende Verhältnisse angepasst haben, haben das auch Menschengesellschaften getan. Schon während meiner Schulzeit interessierte ich mich für die großen Kulturen der klassischen Antike, ich las über Urmenschen und Indianer, über Forscher und Entdecker. Und immer wieder musste mein Vater die Geschichte von dem geschnitzten Krokodil und dem Beteltöpfchen auf dem Bücherschrank erzählen. Das Krokodil war dazu gemacht, einem Afrikaner als Kopfstütze zu dienen. Für Europäer völlig ungeeignet, wie mein Selbstversuch zeigte. Die holzgeschnitzte Betelbüchse hatte sein ursprünglicher Besitzer wohl am Gürtel getragen. Mit dem dazugehörigen Spatel konnte er auch unterwegs jederzeit einen Betelpriem (aus mit Löschkalk vermischten Blättern des Betelpfeffers) entnehmen. Und so stellte ich mir vor, dass ähnlich wie der Großvater unseres Nachbarjungen Kautabak kaute, irgendwo in Afrika jemand Genuss an diesem für meine Begriffe furchtbar ekligen Zeug gefunden haben musste. „Andere Länder, andere Sitten“ war eine Erkenntnis aus diesen Mitbringseln aus Afrika.

Mit der Vielfalt menschlicher Charaktere war ich als Kind, das in einer großen Familie aufwuchs, ohnehin vertraut. Wie prägend die äußeren Lebensumstände sein können, lernte ich im Laufe des Erwachsenwerdens. Da gab es Elternhäuser, die ihren Kindern viele Möglichkeiten eröffneten, mit ihnen verreisten und Bücher kauften, ihnen aber auch viel abverlangten. Die nicht nur gute Zensuren erwarteten, sondern auch Hilfe im Haushalt und bei der Gartenarbeit. Und da gab es Eltern, die ihre Tochter mit Spielzeug überschütteten, die sie auf dem Schulweg begleiteten und die doch nicht verhindern konnten, dass das Mädchen gehänselt und ausgegrenzt wurde. Und dieses Mädchen hatte auch als Erwachsene kein einfaches Leben.

Durch Reisen in ferne Länder und Kontinente habe ich später eine ganz neue Dimension der Vielfalt der menschlichen Gesellschaft kennenlernen können. Konnte erfahren, warum sich Kulturen gerade so und nicht anders entwickelt haben. Und musste erkennen, wie sensibel und gefährdet diese kulturelle Vielfalt ist.

Diese Vielfalt in der Natur und in der menschlichen Gesellschaft zeugt von einem großen Reichtum. Es ist der Reichtum an Möglichkeiten, die Güter dieser Erde zu nutzen. Vielfalt bedeutet aber auch, dass dem Einzelnen vieles fremd ist. Dieses Fremdsein kann neben Staunen und Begeisterung auch Ängste erzeugen. Furcht vor dem Fremden ist wohl einer unserer Selbsterhaltungstriebe. Durch Erforschen und Kennenlernen kann diese Furcht überwunden und unser (Erfahrungs-) Horizont erweitert werden. Erforschen und Nutzbarmachen des Erforschten erfordern jedoch Respekt. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass bedenkenloser Umgang mit fremdem Land, mit fremden Kulturen und ihre rücksichtslose Ausbeutung zu ihrer Zerstörung führen und damit Vielfalt vernichten. Die Eroberung und Kolonialisierung großer Teile Amerikas, Asiens und Australiens durch die Europäer haben eine Spur der Vernichtung hinterlassen. Landgrabbing ist die heutige Form der Kolonialisierung ganzer Landstriche mit ebenso katastrophalen Folgen für die biologische wie für die kulturelle Vielfalt.
Deshalb plädiere ich dafür, dass wir unsern Kindern so früh wie möglich den Wert der Vielfalt nahe bringen, sie den Reiz des Fremden spüren und unbekanntes Terrain erkunden lassen –mit Respekt und im Bewusstsein der Verletzlichkeit der Vielfalt. Denn alles, was wir tun kann irgendwo Vielfalt mehren oder Vielfalt zerstören. Wenn wir mit diesem Wissen leben und immer mal wieder die Folgen unseres Tuns bedenken, übernehmen wir Verantwortung für den Erhalt der Vielfalt oder – mit anderen Worten – für die Bewahrung der Schöpfung.

 

Der Beitrag von Cornelia Behm steht in der Reihe "Nachhaltigkeit buchstabiert". Mehr unter www.nachhaltigkeit-buchstabiert.de

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