Nachhaltigkeit buchstabiert: Resilienz

Nachhaltigkeit buchstabiert: Resilienz

Resilience of NatureUrheber/in: cpliler. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Hinter dem Begriff Resilienz verbirgt sich die Fähigkeit eines Systems, Schocks von außen zu widerstehen und abfedern zu können. Was macht eine Pflanze, die sich für seine Verbreitung nur auf den Wind verlässt, in einer windstillen Blütezeit? Was macht ein Greifvogel, der sich auf Mäuse spezialisiert, wenn keine Mäuse mehr zu finden sind? In der Natur sind überall Puffer und bis zue einem gewissen Grad Flexibiltäten eingebaut. Die Pflanze kann zur Bestäubung auch mit Insekten vorlieb nehmen, der Greifvogel kann sein Revier verlassen oder findet andere Beute. Und was hat Resilienz jetzt mit unserem Leben zu tun?

IPCC-Berichte (Intergovernmental Panel on Climate Change) zum Klimawandel, Finanzkrisen oder das Ölfördermaximum machen uns Menschen im 21. Jahrhundert bewusst, dass ein einfaches „Weiter so“ gleich an mehrere Grenzen stößt.

1. Beispiel Energie: Mit einem Weiter-so-Szenario geht das Erdöl etwa um die Mitte des Jahrhunderts aus, auch Uran, Gas und sogar Kohle sind endlich. Nebenbei steigt die CO2-Konzentration in unserer Atmosphäre bedenklich an. Gerade wurde die 400 ppm-Marke (1 ppm = 10−6 = 1 Teil pro Million = 0,0001 %) geknackt (Umwelt-NGOs fordern einen Maximalwert von 350 ppm). Damit müssen wir, wie der Greifvogel ohne Mäuse, umdenken: Weg von der Verbrennung fossiler Stoffe, mehr Effizienz und Suffizienz. Außerdem werden wir als Gesellschaft noch eine Umweltkatastrophen, verursacht durch ein immer verrückter spielendes Klima, abfedern müssen.

2. Beispiel Ernährung: Unsere heutige Form der Agro-Industrie basiert ebenfalls auf dem knappen Gut Erdöl: Pestizide, Düngemittel und die Maschinen wird es ohne Erdöl nicht in dieser Form geben. Außerdem verlieren wir bei dieser Art der industriellen Landwirtschaft den Boden unter unseren Füßen.

3. Beispiel Finanzen: 2008 haben wir erlebt, wie eine Krise in einem Wirtschaftszweig ganze Volkswirtschaften vor enorme Probleme gestellt hat. Wenige Währungen, viele Abhängigkeiten und wenige sehr große Handelsplätze führen dazu, dass unsere Wirtschaftssysteme sehr anfällig sind und eben nicht resilient.

Resilienz ergibt sich aus einer Modularität und Dezentralität. Diese Prinzipien sollten wir bei der Energieproduktion, beim Saatgut oder auch in der Finanzwirtschaft in Betracht ziehen. Wenn Energie an vielen tausenden Orten produziert wird und auf vielfältige Art und Weise, dann können uns Veränderungen oder Schocks von außen nicht mehr so treffen. Wenn wir das Saatgut einigen wenigen Konzernen überlassen, machen wir uns als Gesellschaft anfällig. Jeder Mensch sollte eigene Sorten züchten und kultivieren dürfen. So wird gleichzeitig auch das Wissen dezentralisiert. Regionalwährungen und funktionierende Nachbarschaften tragen den gleichen Geist der Resilienzsteigerungen.
Warum fällt es uns so schwer, diesen Weg der Modularisierung und Dezentralisierung konsequent durchzusetzen? Modulare Strukturen wirken chaotischer und sind schwerer zu kontrollieren. Wie schön einfach war doch der Stromnetzbetrieb, als es nur einige wenige große Kraftwerke gab und man sehr einfach Angebot und Gewinne berechnen konnte. Wie übersichtlich und effizient ist es doch, wenn man die Nahrungsmittelproduktion einigen wenigen Expert/innen überlässt. Auf dem Weg zu resilienteren Wirtschaftsstrukturen müssen viele Menschen Mut haben, Verantwortung übernehmen, sich Wissen aneignen und Gemeinschaften bilden. Diese Gemeinschaften in Form von Netzwerken, Nachbarschaften oder Familien sind der Kern von gesellschaftlicher Resilienz. Widerstandsfähig und schockresistent sollten wir alle auch auf persönlicher Ebene werden. Wer bin ich noch, wenn ich meine Arbeit verliere oder mein/e Freund/in mich verlässt. An diesen kritischen Punkten im Leben kann jeder auch seine individuelle Resilienz begutachten. Funktionierende Gemeinschaften helfen sich dabei gegenseitig, wieder schnell auf die Beine zu kommen. Die Transition Town Bewegung hat z.B. genau diesen Aufbau von resilienten Strukturen innerhalb und außerhalb des Individuums als immanentes Ziel.

Fragen zur Kontrolle der eigenen Resilienz:

Wie geht es mir, wenn meine Euros nichts mehr wert sind?
Was mache ich, wenn Supermärkte leer sind?
Was mache ich, wenn meine Einkommensquelle versiegt?
Wie sieht mein Alltag bei einem Stromausfall aus?

Gerade das Beispiel Stromausfall zeigt, dass es nicht nur Gefahren gibt. Vielleicht findet der Greifvogel, der keine Mäuse mehr findet, ja durch diesen Schock noch ein viel schöneres Revier und wir Menschen erreichen ebenfalls neue Ebenen des gemeinschaftlichen Miteinanders.

Der Beitrag von Julian Gröger steht in der Reihe "Nachhaltigkeit buchstabiert". Mehr unter www.nachhaltigkeit-buchstabiert.de

Wir freuen uns über Ideen und ganz persönliche Sichtweisen von interessierten Menschen und auf Ihre Meinung - kommentieren Sie und reden Sie mit!

0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Neuen Kommentar schreiben