Nachhaltigkeit buchstabiert: Suffizienz

Nachhaltigkeit buchstabiert: Suffizienz

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Suffizienz – welch unschönes, fast hässliches Wort.

Suffizienz, eine von mehreren Säulen der  Nachhaltigkeit, deren Zweck und Ziel es ist, ressourcenschonender und sparsamer zu wirtschaften bzw. zu leben, um auch nachfolgenden Generationen noch etwas übrig zu lassen von den „Gemeingütern“ dieser Erde.
Das „Lexikon der Nachhaltigkeit“ beschreibt Suffizienz (aus dem Lateinischen sufficere = ausreichen, genügen) als "das richtige Maß", "ein genügend an". Es geht um die Beachtung von natürlichen Grenzen und Ressourcen, um das Bemühen eines möglichst geringen Rohstoffverbrauchs. Suffizienz wird auch im Zusammenhang mit nachhaltigem Konsum gebraucht, im Sinne von Selbstbegrenzung und Entschleunigung, dem richtigen Maß an Konsum, Konsumverzicht und Entkommerzialisierung. 

Effizienz, die Schwester der Suffizienz, ist vermittelbar. Effizient und effektiv sein fällt den Deutschen leicht. Aber „Genügsamkeit“, „Selbstbegrenzung“, „Konsumverzicht“ – das können doch wohl nur ein paar „Spinner“ sein, die das mitmachen wollen. Liegt es nur an dem Begriff Suffizienz, dass es so schwer zu vermitteln ist in der politischen Bildungsarbeit, oder haben wir einfach noch nicht die richtige Ansprache, Vermittlung, Methode gefunden, um daraus ein lustvolles „Massenevent“ zu machen?

Das Wissen ist da und Gründe gibt es zu Genüge, endlich mit dem richtigen Maß zu konsumieren – das gilt für das Mobilitätsverhalten, den Fleischkonsum, die Anzahl der überflüssigen Gegenstände um uns herum, die Wohnungsgröße, die ständig neueste Mode, die Anzahl der elektronischen Kommunikationsmittel und so weiter und so fort.

Aber welcher Anreiz soll mich dazu bringen, weniger zu kaufen, wo konsumieren doch so viel Spaß macht? Es macht mich glücklich und zufrieden (für ein kurze Zeit) und andere tun es doch auch (wenn sie es sich leisten können und nicht von Hartz IV oder unterhalb der Armutsgrenze leben).

Ein paar haben es ausprobiert, sie fanden den Überfluss und den vermeintlichen Reichtum in dem sie lebten mit der Zeit widerwärtig. Daher sind sie ausgestiegen und haben versucht, z.B. ein Jahr lang ohne Geld zu leben. Sie reisten innerhalb Europas oder um die Welt und wohnten  kostenlos bei Menschen, deren Rasen sie mähten oder ihnen andere Dienstleistungen anboten. Und dann haben sie ein Buch geschrieben oder sind in Talkshows aufgetreten und haben davon berichtet, dass sie noch nie „reicher“ waren als zu dieser Zeit, u.a. weil sie noch nie solch Maß an Solidarität und Gemeinschaft erfahren haben. Schönes Experiment, das uns etwas lehren kann, aber bestimmt nicht das, was mit „angewandter Suffizienz“ gemeint ist.

Share Economy hört sich da schon besser an (wer kennt dafür ein hübsches Wort in deutscher Sprache?). Es wird  landauf und landab alles geteilt, was teilbar ist: Die berühmte (Harald Welzer „Selbst denken“) Bohrmaschine aus der Nachbarschaft, das Auto mit vielen anderen im Stadtteil, die städtischen Leih-Räder, übriggebliebene Lebensmittel werden nicht mehr weggeworfen sondern über eine Webseite an Selbstabholer angeboten, Kleidung wird getauscht, Büro-Arbeitsplätze geteilt, Couchsurfing statt Hotel…. diese Liste ist inzwischen wunderbar lang geworden, denn immer mehr überwiegend junge Menschen haben Lust, sich ökologisch und sozialverantwortlich zu verhalten und retten für sich und ihre Wohngemeinschaft Lebensmittel aus den Super- und Bio-Markt-Abfallcontainern, praktizieren Urban Gardening, entdecken Up-Cycling und eröffnen Reparaturwerkstätten für Elektro- und andere Artikel, die vom Hersteller schon von vornherein mit einer Mindesthaltbarkeit versehen wurden.

Dies alles und noch viel mehr ist ein kreativer und kluger und lustvoller Ansatz für Suffizienz. So kann Suffizienz gelingen und Verbreitung finden. Allerdings muss das Prinzip der Suffizienz auch klug in Politik und Wirtschaft Einzug halten. Aber ohne Engagement aus der Bewegung können wir warten, bis die Ressourcenknappheit ein deutliches Signal setzt. Es gibt also noch viel zu tun und zu entdecken, welches das richtige Maß und "ein genügend an" für uns ist. Und wenn wir erst mal auf dem richtigen Weg sind (und es gar nicht weh tut), dann fragen wir uns, warum wir damit nicht schon gleich 1992 – direkt nach dem Rio-Gipfel –begonnen haben.

Juni 2014 –
 

Der Beitrag von Karin Heuer steht in der Reihe "Nachhaltigkeit buchstabiert". Mehr unter www.nachhaltigkeit-buchstabiert.de

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