Nachhaltigkeit buchstabiert: Verantwortung

Nachhaltigkeit buchstabiert: Verantwortung

VerantwortungVerantwortung – Urheber/in: rosmary. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.
Responsabilité – Verantwortung

Wir haben es in der Hand, wie sich unsere Welt entwickelt, wie wir Menschen künftig auf dieser einen Welt zusammenleben und ob wir unseren Urenkeln noch in die Augen schauen und sagen können: Wir haben unser Bestes dafür gegeben, dass ihr in einer lebenswerten Welt aufwachsen könnt. Die Verantwortung dafür liegt bei uns, in uns Menschen. Nicht, dass mich die Wunder der Wissenschaft und Technik nicht begeistern und ich Bauklötze staunen könnte, wenn ich so etwas Unglaubliches lese, wie dass intelligente Stromnetze unseren Energieerbrauch massiv reduzieren könnten, weil sie wissen, wer wie wann am effektivsten den nötigen Strom einsetzen sollte. Aber was weiß dieses Netz darüber, was wirklich nötig ist? Mit technischen Lösungen machen wir es uns in meinen Augen zu leicht. Auf technische Innovationen zu setzen, verstellt aus meiner Sicht den Blick auf die zentrale Frage, was wir wirklich brauchen.

Aber was brauchen wir denn? Was sind unsere Bedürfnisse? Selbst in Nachhaltigkeitsdiskussionen hat sich ein Begriffsverständnis von Bedürfnissen eingeschlichen, das für mich wenig mit dem zu tun hat, was wir brauchen. Als ich das erste Mal Manfred Linz über Suffizienz sprechen hörte, war ich begeistert von seiner Orientierung am guten Leben und dessen, was man dafür braucht. Aber in der öffentlichen Debatte wird Suffizienz den Beigeschmack des Verzichts irgendwie nicht los. Harald Welzer versucht die Blickrichtung umzukehren und zu fragen, worauf wir im Jetzt schon alles verzichten und was es durch Veränderungen zu gewinnen gilt. Das finde ich ausgesprochen reizvoll. Aber noch wichtiger finde ich, uns endlich von dem ökonomisierten Bedürfnisbegriff zu trennen und uns selbst wieder ernst zu nehmen in dem was wir wirklich brauchen und dafür Verantwortung zu übernehmen.

Es gibt eben einen Unterschied zwischen unseren Bedürfnissen, also dem was wir brauchen und den Strategien, wie wir uns diese Bedürfnisse erfüllen. Bedürfnisse in dem Verständnis, für das ich hier plädiere und welches stark von der Arbeit Marshall Rosenbergs geprägt ist, sind universell und allen Menschen gemein. Menschen haben beispielsweise Bedürfnisse nach Autonomie, nach Sinn, nach Gemeinschaft und Integrität, nach Resonanz, nach Sicherheit und Wohlbefinden. Die Liste lässt sich viel weiter fortführen und hat aber wenig mit dem zu tun, wie der Begriff Bedürfnisse in der Presse, in politischen Auseinandersetzungen oder eben auch in Nachhaltigkeitsdebatten immer wieder verwendet wird, wenn es beispielsweise darum geht, dass wir weniger Autofahren, maßvoll Fleisch essen oder weniger Strom verbrauchen sollten.
Nehmen wir mal das Autofahren, um mich hier beliebt zu machen. Das ist nach meinem Verständnis des Begriffs kein Bedürfnis, sondern eine Strategie, wie wir eines (oder mehrere) unserer Bedürfnisse erfüllen. Das kann mal das Bedürfnis nach Sicherheit sein, wenn es mir mit dem Fahrrad zu gefährlich ist, das Bedürfnis nach Integrität, wenn einfach alle anderen auch Auto fahren und ich nicht auffallen will, das Bedürfnis nach Autonomie, wenn ich nicht von Bahnfahrplänen abhängig sein will oder vielleicht noch ganz etwas anderes. Und wir sollten diese Bedürfnisse ernst nehmen, aber flexibel sein, wenn wir nach Strategien suchen, diese zu erfüllen. Es gäbe auch zahlreiche andere, die wir entdecken können, je nachdem auf welches Bedürfnis mein Handeln gerade abzielt. Statt „einfach nur“ maßvoll zu konsumieren, sollten wir uns mehr Zeit nehmen, auf unsere Gefühle und Bedürfnisse zu hören, die uns zu einem bestimmten Handeln motivieren. Brauche ich ein iPhone oder nutze ich das nur, um mein Bedürfnis nach Kommunikation zu erfüllen? Und ginge das auch anders? Brauche ich einen Job oder ist Arbeiten gehen für mich eine Strategie zur Existenzsicherung? Oder eines um mein Bedürfnis nach Anerkennung zu erfüllen, nach Integrität, nach Sinn?

Den Blick dafür zu schärfen, was wir wirklich brauchen, heißt, uns selbst ernst zu nehmen. Verantwortung für unsere Gefühle und Bedürfnisse zu übernehmen und das nicht dem Markt und seinen Erfindungen zu überlassen, kreativ zu werden in den Strategien, wie wir unseren Bedürfnissen gerecht werden, macht uns freier und unabhängiger – resilienter könnte man sagen. Das würde Bedürfnisbefriedigung von Konsum und Wirtschaftswachstum entkoppeln helfen. Damit wären wir einer nachhaltigen Welt wieder ein Stück näher und der Freiheit auch.

 

Der Beitrag von Tina Bär steht in der Reihe "Nachhaltigkeit buchstabiert". Mehr unter www.nachhaltigkeit-buchstabiert.de

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