Nachhaltigkeit buchstabiert: Gerechtigkeit

Nachhaltigkeit buchstabiert: Gerechtigkeit

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Nachhaltigkeit buchstabieren – G wie Gerechtigkeit

Wer den Begriff „Nachhaltigkeit“ googelt, erhält fast eine Million Ergebnisse. Ein deutliches Zeichen dafür, wie inflationär er gebraucht und missbraucht wird. Unzählige Unternehmen behaupten heutzutage, „nachhaltig“ zu wirtschaften – und zeigen oftmals doch nur, wie nachhaltig sie Begriffe aushöhlen und grünwaschen können. Selbst Fluggesellschaften bezeichnen sich als „nachhaltig“, bloß weil sie in ihren fliegenden Klimaverbrennungsmaschinen Öko-Sesselbezüge verwenden oder den Müll ein bisschen besser trennen.

Der Begriff Nachhaltigkeit geht bekanntlich auf den sächsischen Oberforstmeistersohn und Berghauptmann Hans Carl von Carlowitz zurück. Der beobachtete nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges einen desaströsen Holzraubbau für die Erzgewinnung und forderte deshalb 1713 – also vor ziemlich genau 300 Jahren -, nur so viel Bäume zu schlagen, wie man wiederaufforsten könne, damit es „eine continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe“. Das spätere Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit, nämlich die Einbeziehung ökonomischer, ökologischer und sozialer Aspekte, ist erst in den 1990er Jahren entstanden und in verschiedene UN-Deklarationen eingegangen. Wie sinnvoll es war, Ökologie und Ökonomie damit quasi gleichzustellen, obwohl die Lebenslüge des Kapitalismus darin besteht, die Möglichkeit unendlichen Wachstums in einer endlichen Welt vorzugaukeln, darüber streiten sich die Gelehrten immer noch.

Dennoch gibt es zweifellos enge Zusammenhänge zwischen dem Ökologischen, Ökonomischen und Sozialen. Zum Beispiel, indem schreiende soziale Ungerechtigkeiten ökologische Katastrophen erzeugen. Indem eine kleine Elite von Reichen und Superreichen den allergrößten Anteil der weltweiten Ressourcen für sich vernutzt. Indem die 85 reichsten Menschen laut einer Studie von Oxfam mehr besitzen als die arme Hälfte der Menschheit zusammengenommen. Indem auch in Deutschland die reichsten zehn Prozent auf fast zwei Dritteln des Volksvermögens sitzen und gut ein Viertel der Bevölkerung fast nichts hat oder sogar verschuldet ist.

„Es herrscht Klassenkrieg, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen“, sonnte sich einmal Warren Buffett, zeitweise der zweitreichste Mann der Welt, in seinem Erfolg. Der Milliardär zählt zur Gruppe der Top 50, die laut einem Bericht des „International Forum on Globalization“ weltweite Umweltschäden verursacht und sich dabei horrend bereichert hat. Die Spitzenpositionen belegen der Studie zufolge die Brüder Charles und David Koch, Inhaber der im Öl-, Gas- und Chemiegeschäft tätigen Koch Industries, Unterstützer der evangelikalen Tea Party, Financiers eines globalen Netzwerks von Thinktanks, die den menschengemachten Klimawandel leugnen und die Arbeit von Klimaforschern diskreditieren.

Im heutigen Turbokapitalismus werden Superreiche durch schieres Nichtstun immer reicher – ihr Geld vermehrt sich rasant durch Zinsen, Spekulationen mit Aktien und anderen Finanzprodukten. Die „spätrömische Dekadenz“, die der frühere FDP-Chef Guido Westerwelle einstmals bei Hartz-IV-Empfangenden entdeckt haben wollte, trifft in Wahrheit nur auf diese Klasse zu: Wer eine Milliarde Euro besitzt, muss bei einer angenommen jährlichen Vermögenssteigerung von fünf Prozent täglich 137.000 Euro ausgeben, um nicht noch reicher zu werden – eine Summe, die man nicht mal mehr durch 24-Stunden-Shopping ausgeben kann.  
Warum sind Reiche so unersättlich, obwohl sie ihr Geld gar nicht mehr ausgeben können? „Warum braucht ein Milliardär noch eine weitere Milliarde?“, fragt Jerome Barkow in seinem Buch „Darwin, Sex, and Status“. Und antwortet: „Nur um einen höheren Status zu haben als ein anderer Milliardär, der nur eine Milliarde Vermögen hat.“ Ein früherer Hegde-Fonds-Manager bekannte: „Ich war nicht zufrieden damit, wenn ich Gewinne erzielte. Meine Gegner mussten verlieren, damit es ein wirklich guter Tag für mich war. Gewannen hingegen die anderen und verlor ich selbst, dann musste ich die Tränen zurückhalten.“ Stets gibt es jemanden, der noch mehr kassiert als sie selbst – ein Rattenrennen ohne Ende. Selbst die ganz oben können sich nicht ausruhen, sondern müssen ständig ihren Rang verteidigen.
Der Stress, ihre Villen, ihre Kinder, ihre Unversehrtheit ständig bewachen und gegen angebliche oder tatsächliche Neider verteidigen zu müssen, raubt der Geldelite jeden Lebensgenuss. Einige von ihnen, wie der Milliardär Roman Abramowitsch, verschwenden immense Ressourcen für absurde Männerspielchen: Er ließ sich die längste Privatjacht der Welt bauen – 50 Zentimeter länger als die des Emirs von Dubai. Pech für Abramowitsch: Im Sommer 2011 scheiterte er beim Versuch, an der Côte d’Azur anzulegen, weil seine „Eclipse“ an keinen Kai mehr passt.
Superreiche tragen ihren Statuswettbewerb auch mit dem Kauf exorbitant teurer Luxusgüter aus, und weniger Wohlhabende tun es ihnen nach. Für die gesättigten Ökonomien des Westens ist Statusshopping ein wichtiger Motor für weiteren Konsum und Wirtschaftswachstum. Laut Studien steigen parallel zu Einkommensdifferenzen auch Warenkonsum, Materialverbrauch, Autodichte, Wohnungsgröße und Wasserbrauch, während Radfahr- und Recyclingquoten sinken. „Konsum führt zu mehr Wachstum, was zu mehr Ungleichheit führt, was wiederum zu mehr Konsum führt“, so beschreibt Paul Gilding die sich immer schneller drehende Spirale der Ressourcenschlachten.
Diese ständige Jagd nach Statusverbesserung ist nicht nur umweltschädlich, sondern vermindert auch die Lebenszufriedenheit aller – einschließlich der Reichen selbst. In Ländern mit großer Ungleichheit sind alle Gesellschaftsmitglieder unglücklicher, depressiver, misstrauischer, einsamer und kränker. Sie erleben mehr Gewalt und Kriminalität und haben mehr Angst davor, wie Richard Wilkinson und Kate Pickett in ihrer bahnbrechenden Studie „Gleichheit ist Glück“ durch Auswertung vieler Statistiken nachgewiesen haben. Auslöser zahlreicher Straftaten seien Gefühle von Status- und Ehrverlust – als Folge von Ungleichheit – sowie Ausgrenzung, Erniedrigung und daraus folgende Scham.

Stress, Angst und Scham lösen wiederum häufig Krankheiten aus. Menschen aus Ländern mit großen Einkommensunterschieden – wie der USA oder Großbritannien – haben im Schnitt eine geringere Lebenserwartung und sind kränker als Menschen aus egalitärer ausgerichteten Ländern, so Pickett und Wilkinson. Auch psychische Erkrankungen sind in stark ungerechten Gesellschaften bis zu fünf Mal so häufig. Die beiden Wissenschaftler führen das unter anderem auf die Wirkung von Stresshormonen zurück, deren biologisches Level durch Bewertungsdruck und Statusangst ständig hochgetrieben wird. Das Rattenrennen im Neoliberalismus verschärft also die Statuspanik, steigert die seelische Not und erhöht den Ressourcenverbrauch und die Umweltzerstörung. Wie ein Schadstoff scheint Ungleichheit alle Bereiche einer Gesellschaft zu durchdringen und zu vergiften.

Die gute Nachricht ist, dass das auch umgekehrt gilt: Gleichheit macht alle glücklicher, ausgleichende Gerechtigkeit hilft allen. Sie mindert Statusstress, Depression, Einsamkeit, Gewalt und Kriminalität. Gesellschaften können Ungerechtigkeiten mit einer Strategie der solidarischen Angleichung und Umverteilung verkleinern, etwa durch eine ökosoziale Steuerreform, hohe Steuern für Reiche, Austrocknung der Steueroasen und Förderung nichtkommerzieller Formen des Teilens und gemeinsamen Nutzens. Heute schon vergessen, damals eine Sensation: In der Zeit, in der die Nazis halb Europa bedrohten und zerstörten, setzten die USA mit dem New Deal ein massives Umverteilungsprogramm in Gang; der Spitzensteuersatz betrug damals zwischen 79 und 91 Prozent. Die Arbeiterklasse stieg auf, und es bildete sich eine riesige Mittelschicht – bis das neoliberale Regime alles wieder zunichtemachte.

Ein weiterer Effekt von Umverteilung und sozialer Gerechtigkeit: Glück und Lebenszufriedenheit steigen an. Jeder zusätzliche Heller mache den Armen glücklicher als den Reichen, argumentiert der Glücksforscher Richard Layard. Er schreibt: „Aus dieser psychologischen Tatsache folgt, dass bei einer Umverteilung von Einkommen von Reich zu Arm der Arme mehr an Glück hinzugewinnt, als der Reiche verliert. So steigt das durchschnittliche Glücksempfinden. Je gleichmäßiger das Einkommen verteilt ist, desto glücklicher werden die Menschen eines Landes im Schnitt sein.“

Mehr materielle Gleichheit bringt klare Vorteile auch für Hochqualifizierte und Reiche, bilanzieren auch Pickett und Wilkinson. Gerechtere Verhältnisse heben das Vertrauensniveau, steigern Gesundheit und Lebenserwartung. Laut US-Studien leben Menschen mit hohem Vertrauen zueinander länger. Ein gutes Beispiel ist Kerala: Der indische Bundesstaat wird seit längerer Zeit von Kommunisten regiert, die auf Umverteilung Wert legen. Das Bildungs- und Gesundheitssystem ist dort weit höher entwickelt als in einem Großteil Indiens, und die Lebenserwartung beträgt für indische Verhältnisse sensationelle 74 Jahre. Bloß leider hat sich das alles bei den Superreichen noch nicht herumgesprochen.

Gleichheit lässt zudem tendenziell den Konsum sinken, weil die Statuskonkurrenz geringer wird. Für unsere westlichen Länder könnte das ein Königsweg werden: Mehr Gleichheit führt zu weniger Konsum, also zu weniger Wachstum und Ressourcenverbrauch, was wiederum zu mehr Gleichheit führt. Und zu einer Gesellschaft, die das Wörtchen nachhaltig endlich verdienen würde.

Der Beitrag von Ute Scheub steht in der Reihe "Nachhaltigkeit buchstabiert". Mehr unter www.nachhaltigkeit-buchstabiert.de

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