Nachhaltigkeit buchstabiert: Vielfalt

Nachhaltigkeit buchstabiert: Vielfalt

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Naturschutz ist Vielfalt durch Tun und Lassen
-    und wird Teil des agrarpolitischen Aufbruchs

Der Naturschutz lässt sich im Wesentlichen auf zwei Ziele zusammenfassen: Artenvielfalt und Störungsarmut. [Er ist Bestandteil des  Umweltschutzes, welcher sich außerdem noch mit den Stoff- und Energieumlagerungen der menschlichen Zivilisation befasst].  

1.    Naturentwicklung

Die weitgehende Ungestörtheit von natürlichen Entwicklungen durch den Menschen gewährleistet das Intaktbleiben von Biotopen, das freie Ablaufen natürlicher Prozesse (Sukzession), letztendlich die Wildnis, die sich selbst schaffende Natur (natura naturans).Hier fällt es den Menschen als Forschern und Naturschützern schwer, die Distanz zu wahren, die Entwicklung laufen zu lassen, da sie Arten und Biotope in einem bestimmten Zustandsmoment beschrieben haben und diesen konservieren wollen (Erfassung der bis dahin gewordenen Natur = natura naturata). Wenn es uns gelingt, möglichst viele Räume in ungestörter Naturentwicklung zu belassen, könnte ein Mindestmaß an ökologischen Funktionen und Vielfalt gesichert werden, um unser Überleben als biologische Art zu gewährleisten (Sicherung der Biosphäre aus Eigennutz). Tatsächlich nehmen Störungen und Zerstörungen aber stetig zu, flächenmäßig sogar weit stärker als die Erdbevölkerung wächst, weshalb das globale Netz intakter Naturräume immer loser wird und wichtige, in sich verzahnte  Regelkreisläufe wie atmosphärischer Kohlenstoff, Niederschlagsverteilung und Mikrobengleichgewichte sich drastisch zu unseren Ungunsten verändern. Wir müssten ca. ein Drittel des mit Pflanzen bewachsenen Festlandes sowie die Hälfte der Ozeane unberührt lassen, um die Biosphäre in einem für uns gewohnten Zustand zu erhalten; dazu sollten zwingend die äquatorialen Tropen und alle Dauerfrostböden als sensibelste Zonen gehören. Tatsächlich tragen aber nur noch 15 – 18 % der grünen Erdoberfläche eine annähernd natürliche Bedeckung, Tendenz stark abnehmend. Dringendste Aufgaben des globalen Naturschutzes sind also Bewahrung und Mehrung von Räumen ungestörter Naturentwicklung. Dabei ist es unwichtig, welche Entwicklungen in diesen Arealen ablaufen und welche Arten sie beherbergen; denn es existiert leider immer ein zeitlicher Zusammenhang zwischen der naturwissenschaftlichen (und ethnographischen) Erforschung von Ökosystemen und ihrer wirtschaftlichen Erschließung – insofern müssen wir lernen, solche Räume wirklich in Ruhe zu lassen (so, wie der indische Staat die Andamanen abschirmt).

2.    Kulturlandschaft

Der weitaus größte Teil der grünen Erdoberfläche ist heute kultiviert, d. h. von Agrarflächen, Siedlungen und Infrastruktur bedeckt, oft durchsetzt mit Relikten der Naturlandschaft (Gewässer, Gehölze, Felsen). Diese Kulturlandschaft ist in den humiden Zonen der gemäßigten und subtropischen Klimate erstaunlich artenreich und potenziell auch nachhaltig, d. h. überall dort, wo eine geschlossene Pflanzendecke Humus produzieren kann, ist die auf Landwirtschaft basierende menschliche Kultur tragfähig. Je arider, polarer oder tropischer eine Region ist, desto irreversibler wirkt sich hingegen die Zerstörung ihrer natürlichen Vegetationsdecke aus; nach einmaliger Abholzung oder Überweidung wird der in Jahrhunderten entstandene Boden erodiert.

Die humiden Zonen erstrecken sich nur über ein Drittel des globalen Festlandes, allein von ihren heutigen Agrarflächen können jedoch ca. 6 Milliarden Menschen mit pflanzlichen Nahrungsmitteln versorgt werden (tatsächlich sind es jedoch weniger als 3 Milliarden, da viele Ackerflächen für den Anbau von Energiepflanzen und Tierfutter genutzt werden). Wollen wir die tropischen Wälder, die Steppen und Savannen schützen, dürfen wir a) keine Energie- und Futterpflanzen von dort beziehen (Palmöl, Zuckerrohr, Soja) und müssen b) auf unseren Feldern pflanzliche Nahrungsmittelüberschüsse erzeugen (keine Energiepflanzen, wenig Tierfutter). Abendländischer Naturschutz ist also auch sehr politisch, muss in die weltweiten Warenströme und Umsätze der Agrarindustrie eingreifen. Die andere, traditionelle Aufgabe des Naturschutzes ist die Wahrung der Artenvielfalt vor Ort.

Unsere große Biodiversität in Mitteleuropa wurde von der Kulturlandschaft produziert, weil auf Wiesen und Feldern, an Weg- und Tümpelrändern, in Hecken und Obstbäumen  mehr licht- und wärmebedürftige Organismen Lebensräume finden als in menschenleeren Naturwäldern. Mehr als die Hälfte unserer Tier- und Pflanzenarten sind an die durch Nutzung offengehaltene Landschaft gebunden. Umso gravierender sind die Auswirkungen industrieller Bewirtschaftungsmethoden auf diese Artenvielfalt; ähnlich wie im globalen Maßstab muss der Naturschutz auch bei uns zuallererst auf die Landnutzung Einfluss nehmen. Mehr als die Hälfte aller Feld- und Wiesenarten sind heute in den Roten Listen als gefährdet eingestuft, über 5 % sind bereits unwiederbringlich ausgestorben. Entgegen allen Sonntagsreden nimmt die öffentlich subventionierte Landwirtschaft keine Rücksicht auf wildlebende Pflanzen und Tiere, ja selbst kaum auf den Erhalt der natürlichen Bodenfruchtbarkeit. Heute wird der Boden meist nur noch als Produktionsoberfläche gesehen, auf der mit einem bestimmten Input an Agrarchemikalien und Technik ein steuerbarer Ertrag generiert wird. Dabei geht auch das bäuerliche Wissen um natürliche Zusammenhänge von Klima, Boden und Vegetation mehr und mehr verloren; Nährstoffe und Kulturpflanzen regenerieren sich nicht mehr, sondern werden immer wieder neu von außen zugeführt - unsere Landwirtschaft ist immer weniger zukunftsfähig.

Dabei gibt es funktionierende Anbausysteme auf Acker- und Grünland, welche Bodenfruchtbarkeit plus Artenvielfalt erhalten und dabei mit schwarzen Zahlen Nahrungsmittel erzeugen: Nachhaltige Landnutzung ist also unter heutigen ökonomischen Bedingungen durchaus möglich und rentabel. Allerdings ist die Zufuhr von Agrochemikalien und Großflächentechnik hier deutlich geringer, weshalb eine tonangebende Lobby von Konzernen, Verbänden und Agrarpolitikern kein echtes Interesse an Kreislaufwirtschaft besitzt; extensiv (schonend) wirtschaftende Bauern werden da gern in die Öko-Nische verfrachtet, mit dem Verweis, dass mit solchen Landnutzungsmethoden die Ernährung vieler Menschen nicht zu sichern ist. Solche Argumente lassen sich fachlich klar widerlegen, weil der Energieaufwand je Nahrungsmitteleinheit bei intensiver Produktion fast immer höher ist als bei extensiver oder ökologischer Erzeugung. Es hinterlässt auch einen bitteren Nachgeschmack von Demagogie, wenn eine Branche, die auf fast 50 % des deutschen Ackers Energiepflanzen anbaut und auf weiteren 30 % Tierfutter für Stallhaltung, ausgerechnet mit Argumenten der Lebensmittelerzeugung und des Welthungers hantiert.

Auch auf dem Grünland ist bodenbildende nachhaltige Landnutzung nicht nur im Ökolandbau möglich ist, sondern in jedem konventionellen Betrieb. Dabei ist nur wichtig, dass die gewünschten Kulturgräser und stickstoffbindenden Kräuter (Leguminosen) sich auf natürliche Weise selbst regenerieren können, d. h. ihnen muss Gelegenheit zur Vermehrung gelassen werden. Dies erfolgt unter den Bedingungen der extensiven Weide, der Mähweide oder der Heuwiese, nicht jedoch bei den heute meist praktizierten Siloschnittwiesen, auf denen die unreife Biomasse mehrmals im Jahr abgeerntet wird, so dass weder Kulturpflanzen noch wildlebende Arten sich vermehren können. Die logische Konsequenz der Silonutzung ist eine periodische Neuansaat - kostenintensiv und klimaschädlich (Humusabbau).
Auf Viehweiden und Heuwiesen herrscht immer eine hohe natürliche Artenvielfalt, diese traditionellen Nutzungssysteme binden außerdem Treibhausgase, düngen den Boden über Knöllchenbakterien und lassen sich ohne  nennenswerte Energiezufuhr dauerhaft betreiben.
Das Gegenteil dazu sind hochsubventionierte Biogasanlagen: Die dort vergorene Silage stammt von stark gedüngtem Saatgrasland oder Maisacker mit Humusabbau und Artenschwund. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums weisen alle Biogasanlagen im Durchschnitt eine negative Treibhausbilanz auf, d. h. zur Erzeugung von 1 kWh Biogasstrom wird mehr als 1 kWh konventioneller Energie benötigt.

Im Einsatz für den Erhalt von Arten und Biotopen ist dem Naturschutz eine Schlüsselposition bei der Lösung grundlegender Probleme der Zivilisation zugewachsen: für die Bewahrung der biologischen Vielfalt, für den Klimaschutz, für die Lebensmittelversorgung, für den Verbraucher- und Gesundheitsschutz – es kommt nun darauf an, die Landnutzung tatsächlich zu verändern,  und nicht beim Organismenzählen in Naturschutzgebieten zu verharren.

Der Beitrag von Peter Markgraf steht in der Reihe "Nachhaltigkeit buchstabiert". Mehr unter www.nachhaltigkeit-buchstabiert.de

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