Alleinerziehende und Zeitpolitik

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von Elke Großer (Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik)

Dieser Beitrag ist im Anschluss an den ‚Grünen Salon Falkensee‘ der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg mit dem Thema ‚Alleinerziehende und Zeitpolitik‘ entstanden. Den vollständigen Beitrag finden Sie HIER als pdf.

Zeit in Form von Zeitstrukturen, Vorstelllungen über Zeit und der Umgang mit Zeit ist vom Menschen hervorgebracht und gestaltet; als soziale Zeit bestimmt sie unseren gesamten Alltag und unser Leben. Zeit im Alltag der Menschen erfüllt verschiedene Funktionen. Zeit beeinflusst u.a. die Organisation von Arbeit und Freizeit, die Zeit, die wir mit anderen verbringen, wie wir miteinander kommunizieren,  wie wir den Familienalltag gestalten und wie wir  mit unserer natürlichen Umwelt umgehen.  

Oftmals erscheinen gesellschaftliche Probleme, Krisen oder Konflikte auch in gesellschaftlichen Zeitstrukturen und im Wandel gesellschaftlicher Zeitordnungen.

Zeitpolitik setzt sich kritisch mit den jeweils aktuellen zeitlichen Strukturen der Gesellschaft und ihren Wirkungen für Mensch und Umwelt auseinander. Durch den Wandel gesellschaftlicher Zeitstrukturen, wie die Individualisierung und Flexibilisierung von Zeit im Alltag, die Auflösung traditioneller Zeitstrukturen sowie Beschleunigungsprozesse entstehen neue Zeitkonflikte, Synchronisations- und Koordinationsprobleme sowie neue Ungleichheiten im Umgang mit Zeit. Zeitpolitik richtet darauf den Blick und fragt danach, wie Zeit ‚passbar‘ und gleichberechtigt zwischen Individuen und verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen gestaltet werden kann.

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Familien mit nur einem Elternteil sind die am stärksten wachsende Familienform in Deutschland. Etwa in jeder fünften Familie in Deutschland ist nur ein Elternteil allein für Kinder verantwortlich und 90% der Alleinerziehenden sind Frauen. Der 8. Familienbericht widmet sich zwar zeitpolitischen Aspekten von Familien, allerdings werden hier Alleinerziehende kaum berücksichtigt. Dabei weisen die alltäglichen Zeitnöte und Zeitkonflikte Alleinerziehender sowie notwendige zeitpolitische Gestaltungsaufgaben, die im ‚Grünen Salon‘ der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenbug diskutiert wurden, auf ein sehr wichtiges aktuelles  vernachlässigtes zeitpolitisches Feld.

Alleinerziehende leiden am meisten unter dem Zeitdruck in einer ökonomisierten beschleunigten Welt. Rechtliche Regelungen im Unterhaltsrecht und im Steuerrecht sowie familienpolitische Maßnahmen benachteiligen Alleinerziehende und ihre Kinder systematisch. Oft stoßen Alleinerziehende vor allem an ihre zeitlichen Grenzen, was körperlich und psychisch belastet. Von einer ausgeglichen Work-Life-Balance und von Zeitwohlstand oder Zeitsouveränität kann aus ihrer Sicht ganz und gar nicht gesprochen werden, eher befinden sich Alleinerziehende nicht nur in finanzieller, sondern auch in zeitlicher Hinsicht in einer höchst prekären Lage. Die zeitlichen Problemlagen  Alleinerziehender ergeben sich u.a. aus mehreren Faktoren:

  • hohes Armutsrisiko,
  • Erwerbstätigkeit bzw. Vollzeiterwerbstätigkeit,
  • unflexible und unzureichende Betreuungsangebote für Kinder,
  • unübersichtlicher und komplizierter Behörden- und Antragsdschungel  für unterstützende staatliche Leistungen,
  • Nichtberücksichtigung der Zeitbedürfnisse von Kindern und Alleinerziehenden.

Für Alleinerziehende und deren Kinder ist das Armutsrisiko besonders hoch. Ca. 40 % von ihnen beziehen Hartz IV. Insbesondere Alleinerziehende mit kleinen Kindern haben es schwer, eine Arbeitsstelle zu finden. Vorbehalte von Arbeitgebern, zeitlich nicht passende Arbeitsangebote sowie nicht ausreichende Betreuungsangebote spielen hierfür eine Rolle. Alleinerziehende Mütter arbeiten öfter in Vollzeit als verheiratete Mütter. Die seit 2008 bestehenden Regelungen im Unterhaltsrecht setzen eine Vollzeiterwerbstätigkeit nach dem dritten Geburtstag des Kindes voraus. Dadurch kommen Alleinerziehende oft an ihre zeitlichen Grenzen, zumal wenn längere Anfahrtszeiten zur Arbeitsstelle hinzukommen. Alleinerziehende, besonders erwerbstätige, nutzen institutionelle Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder häufiger als andere. Oft greifen Alleinerziehende für die Kinderbetreuung auf Großeltern zurück. Komplizierte Antragshürden, wie zum Beispiel Leistungen entsprechend dem Bildungs- und Teilhabepaket zu beantragen, nehmen  zusätzlich viel Zeit in Anspruch. Armutsrisiko und Zeitnot Alleinerziehender haben Auswirkungen auf die Freizeitgestaltung, auf kulturell-soziale Teilhabe, auf den Zugang zu Bildungsangeboten und für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder.

An diesen Alltagszeitkonflikten Alleinerziehender  zeigt sich, dass Zeitpolitik nicht allein aus einzelnen zeitpolitischen Projekten oder Maßnahmen bestehen kann, wie der  Förderung von ergänzender Kinderbetreuung zu unüblichen Zeiten, die auch Bedürfnisse der Kinder berücksichtigt, sondern dass Zeitpolitik an unterschiedlichen Stellen ansetzen muss, die alle Lebensbereiche und Zeitbedürfnisse Alleinerziehender und von Kinder einbeziehen. Dazu gehören u.a. zeitpolitische Interventionen, wie:

  • finanzielle Absicherung Alleinerziehender,
  • eine Kinder- und familienfreundliche Arbeitszeitgestaltung
  • flexible Betreuungsangebote für Kinder,
  • Verlässlichkeit in der Erziehung und Betreuung,
  • Rücksicht auf Zeitbedarfe von Kindern,
  • Gesellschaftliche Aufwertung bzw. Gleichstellung von Sorge- und Erziehungszeiten,
  • lokale Angebote zur Unterstützung Alleinerziehender in ihrer Lebenssituation.

Finanzielle existenzielle Absicherung ist eine notwendige Voraussetzung für die Möglichkeit zu einem selbstbestimmteren Umgang mit Zeit mit mehr Zeitwohlstand für Alleinerziehende. Hier können staatliche (Unterstützungs-)Leistungen, wie beispielsweise ein Grundeinkommen, dazu beitragen. Kinder- und familienfreundliche Arbeitszeitgestaltung kann dazu beitragen, Erwerbstätigkeit und Kindererziehung besser zu vereinbaren. Hierzu zählen beispielsweise Arbeitszeitverkürzungen für Alleinerziehende mit Lohnausgleich sowie keine Nachtarbeit für Alleinerziehende inBerufen, in denen das möglich ist. Arbeitgebern sollte ein Anreiz geboten werden, um Alleinerziehende einzustellen und zeitlich zu unterstützen. Kinderbetreuungsangebote sollten, ob institutionell oder privat arrangiert, flexibel gestaltet sein. Auch in flexiblen Arbeitszeiten und Betreuungsangeboten sollte Verlässlichkeit der Zeit für die Kinder gegeben sein. Kinder müssen sich darauf verlassen können, dass sie zu einem bestimmten, regelmäßigen Zeitpunkt abgeholt werden, ob durch Eltern oder durch andere vertraute Personen. Kinder haben in den verschiedenen Altersphasen unterschiedliche Zeitbedarfe, auf die entsprechend Rücksicht genommen werden sollte.

 

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