Nachhaltigkeit buchstabiert - Ökonomie: "Divestment"

Nachhaltigkeit buchstabiert - Ökonomie: "Divestment"

Demo DivestmentUrheber/in: Tony Webster. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Indem wir fossilen Konzernen unser Geld entziehen, stören wir die Logik der fossilen Wirtschaft. Damit wird nach dem dezentralen Ausbau der Erneuerbaren eine zweite Welle der Bürger-Energiewende eingeläutet.

Nachhaltigkeit spielt sich sowohl auf der individuellen Ebene – z.B. beim Thema Energieeffizienz im Haushalt – als auch auf der politischen ab. Letztere ist leider viel zu oft träge und entwickelt neue Normen, Regeln und Anreize für mehr Nachhaltigkeit unzureichend schnell und oft genug nicht bis zum Ende gedacht. Wir wissen seit Jahren, dass das Top-Runner-Modell in Japan funktioniert und Sinn macht. Danach wird der effizienteste Standard bei einem Produkt nach einigen Jahren das Minimum für alle. So müssen sich alle immer anstrengen, neben Qualität und Preis auch die Energieeffizienz zu verbessern. Es gibt leider sehr viele Beispiele, wo die politische Praxis den Möglichkeiten hinterher hängt.

Niemand verlässt freiwillig das Energie-Spiel

Die Erzeugung von Strom und Wärme aus Erneuerbaren Energien ist ein erster, wichtiger Baustein der Energiewende. Gerade für das grüne Projekt Atomausstieg war es besonders wichtig, möglichst schnell den Anteil von Sonnen- und Windstrom in die Höhe zu treiben. Heute kommt fast ein Drittel unseres Stroms aus erneuerbaren Quellen. Doch verdrängt dieser grüne Strom auch die Kohle? Nein, stattdessen exportiert Deutschland Braunkohlestrom in Höhe von über 30 TWh pro Jahr. Folglich haben wir zurecht eine Debatte über den Kohleausstieg. Die Akteure der alten Energiewelt verlassen den Spieltisch nun mal nicht von alleine. Auch der Atomausstieg musste erkämpft werden.

Während die Bundesregierung die Atomkraftbetreiber zwang, alle paar Jahre ein AKW vom Netz zu nehmen, wurde der Aufbau der Erneuerbaren mit dem EEG finanziell gefördert. Damals hatten selbst die Grünen nicht erahnen können, welche ungeheuerliche Kraft darin liegt. Heute, 15 Jahre später, gibt es 1,4 Millionen Menschen, die ihre Energie selber erzeugen. Die Energiewende „von unten“ hat gerade durch ihre dezentrale und oft unkontrolliert-kreative Kraft aufs Gaspedal der Energiewende getreten. Auch wenn wir zu Recht von der Schwarz-Roten Bundesregierung fordern, die Steine auf dem Weg der Bürger_innen-Energiewende wieder wegzurollen, dürfen wir niemals vergessen: Die Dynamik kommt von unten!

Die Spielregeln ändern – von unten!

Die großen Konzerne wurden kürzlich wieder im Kanzleramt vorstellig und sorgten dafür, dass die Große Koalition ihre geplante Kohle-Abgabe eindampfte. Stattdessen dürfen sie ihre ältesten Kraftwerke nun in eine gut bezahlt Kohle-Reserve schieben. Dreistigkeit siegt! Wenn die fossilen Akteure aber nicht von alleine gehen wollen, sondern unbeeindruckt von den Erneuerbaren hier bleiben, dann müssen wir die Spielregeln ändern. Genau wie mit dem EEG ist es nun an der Zeit, wieder mal eine grundsätzliche Entscheidung zu treffen. Und das wird die Politik wieder nicht alleine schaffen.

Diesmal kommt die Inspiration dazu nicht von den deutschen Pionier_innen, sondern aus den USA. Dort haben zuerst Studierende ihre Universitäten durch Proteste gezwungen, dass diese ihre enormen Geldanlagen (die Harvard University besitzt über eine Milliarde Dollar) „divesten“. Das bedeutet, dass sie ihr Geld nicht mehr Unternehmen zu Verfügung zu stellen, die das Klima weiter anheizen. Also keine Aktien mehr bei Unternehmen wie ExxonMobile, Glencore oder RWE. Mittlerweile haben Städte wie San Francisco, Paris oder London ähnliche Beschlüsse gefasst. In Deutschland ist Münster – dank einer aktiven Klimabewegung vor Ort – die erste Stadt, die mitmacht. Die Idee von „Divestment“ schwappt langsam in die alte Welt. Die Spielregeln ändern sich, ohne dass es die Mehrheit in den Parlamenten (außer ein paar Grüne) mitbekommen hat.

Das zweite Standbein der Energiewende

Auch Versicherungen und Banken, welche z.B. Kredite für Kohlekraftwerksbauten vergeben, bekommen bereits den Druck zu spüren. Und auch wenn kritische Stimmen sagen, dass die Menge an Geld, welche abgezogen wird, noch viel zu gering ist, bekommen die ersten Analysten an den Börsen schon Muffensausen. Immerhin geht es bei ihnen weniger um echte Werte, als vielmehr um Analysen, Aussichten und Spekulationen. Und die Divestment-Bewegung hat ein gutes Blatt in Spiel. Sie wetten nämlich nicht gegen das Klima, sondern setzen darauf, dass die Menschheit sich doch noch aufrafft und mit echtem Klimaschutz anfängt.

Ich will diese Welt meinen Kindern intakt hinterlassen. Doch Nachhaltigkeit kommt nicht alleine dadurch, dass wir „das Richtige“ machen. Wir müssen auch „das Falsche“ abstellen. Der dezentrale Ausbau der Erneuerbaren ist das eine Standbein einer besseren Zukunft. Das zweite ist viel kämpferischer: wir entziehen den großen Klimakillern den Tropf, an dem sie hängen. Unsere Spareinlagen, unsere Pensionen, unsere Anlagen... alles das darf nicht die Katastrophe beschleunigen sondern muss Teil der Lösung werden. Deshalb ist es wichtig, jetzt beim „Divestment“ mitzumachen. Dann wachen vielleicht auch die Regierungsbeamt_innen auf und räumen – hoffentlich – ein paar Steine aus dem Weg.

 

Der Beitrag von Georg Kössler steht in der Reihe "Nachhaltigkeit buchstabiert". Mehr unter www.nachhaltigkeit-buchstabiert.de

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