Bildungsreise nach Armenien - Ein Rückblick

Bildungsreise nach Armenien - Ein Rückblick

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Bildungsreise nach Armenien, 6.-15. September 2015

Entscheidender Anstoß für die Reise war das Gedenkjahr des Genozids an den Armeniern vor allem während des Ersten Weltkriegs im Osmanischen Reich. Etwa 1,5 Millionen Armenier sind damals auf den Gebieten der heutigen Türkei und Syrien ermordet worden. Die Gründe waren vielschichtig. Vor allem die Jungtürken hatten das Ziel einen Nationalstaat aufzubauen und wollten sich dieser großen christlichen Minderheit entledigen. Als Genozid anerkannt sind diese Taten bis heute nur in einigen Staaten. Auch Deutschland tut sich noch immer schwer. Man möchte wohl den Türken nicht zu nahe treten.

Der Genozid war aber nicht das einzige Thema unserer Reise. Zunächst ging es in der Hauptstadt Yerewan um die aktuelle innenpolitische Lage und die Themen und Möglichkeiten der Zivilgesellschaft. Wie in vielen postsowjetischen Staaten herrschen auch in Armenien Oligarchen in einem korrupten System. Umweltaktivisten, Frauenrechtler/nnen oder auch Journalist/innen haben es schwer, Gehör zu finden und Misstände anzuklagen. „Electric Yerewan“ heißt der aktuelle Zusammenschluss der Aktivist/innen, der seit Mai 2015 immer wieder tausende Menschen auf die Straßen bringt. Der von Russland kontrollierte Stromkonzern hat angekündigt, die Preise um 16% anzuheben – und das, obwohl das Preisniveau sowieso schon über dem der Nachbarländer liegt und Armenien sich durch Wasserkraft und ein unsicheres Atomkraftwerk zum großen Teil selbst versorgt. Bei den Protesten geht es gegen einen willkürlichen Staat, soziale Unausgeglichenheit und auch um die Kritik an der Position Russlands im Land. Hierzu trafen wir uns mit Aktivist/innen, einem Filmmacher und einer zeitgenössischen Künstlerin.

Nach drei Tagen in Yerewan ging es in den Norden des Landes. Nach einem Stopp und einem Bad im Hochgebirgssee Sevan ging es über Vanadzor in das Debed Tal. Hier werden viele Bodenschätze unter fragwürdigen Bedingungen aus den Bergen geholt. Ein armenisches Vorzeigeprojekt ist die Kupfermine der Vallex Gruppe in Teghout. Hier durften wir uns selbst ein Bild machen. Das Debed Tal ist ebenfalls bekannt für seine berühmten Klöster. Zwei davon haben wir uns angeschaut.

Gyumri ist die zweitgrößte Stadt Armeniens und war das nächste Ziel. 1988 war hier ein Erdbeben der Stärke 12 und die Stadt wurde zu 80% zerstört. Internationale Aufmerksamkeit und Hilfe gab es zwar dank der starken Diaspora reichlich, allerdings kamen die meisten Hilfen nicht bei den Menschen an. Es gibt Stimmen, dass dieses Missmanagement auch zum Zerfall der Sowjetunion im Kaukasus mit beigetragen hat. Bis heute leben hier Menschen in sogenannten „Domikis“, einer Art Container. Nachdem uns Yerewan mit seiner brachial-modernen Architektur im Zentrum der Stadt etwas enttäuscht hat, haben wir in Gyumri vielen alten Charme gespürt und die Villa Kars ist als Übernachtung unbedingt empfehlenswert.

Als letztes Thema hatten wir dann noch den Berg-Karabach-Konflikt. Offiziell Aserbaidschanisches Territorium ist das Gebiet östlich von Armenien seit 1994 von Armenien besetzt. Wir sind nach Goris gefahren und haben uns dort mit Menschen getroffen, um zu versuchen, den Konflikt besser zu verstehen.

Die Menschen, die wir in Armenien getroffen haben, waren uns erstaunlich nah – so konnte man die lange Distanz zwischen Deutschland und Armenien nicht immer fühlen. Umso schwerer war es dann für uns, die Machtverhältnisse in Armenien nachzuvollziehen, die Armut zu verstehen und die Feindschaft zu Aserbaidschan nachzuvollziehen. Letztendlich sind es dann doch über 3.000 km zwischen Berlin und dem Südkaukasus, die wir hier und da gespürt haben. Es bleiben eine schöne Gruppenerfahrung der 15 Reisenden, viele Kontakte zu NGOs und Einzelpersonen, wunderbare Geschmackserlebnisse, hier und da ein nun erprobterer Magen und die Hoffnung, dass die Konflikte im Südkaukasus friedlich gelöst werden.

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