„Rumänien?! Was suchst Du denn in Rumänien?“

„Rumänien?! Was suchst Du denn in Rumänien?“

SiebenbürgenUrheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg e.V.. All rights reserved.

Streiflichter einer Bildungsreise der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg. Mit Julian Gröger nach Siebenbürgen

Vor der Reise

Erstaunen um mich herum: „Ich kenne niemanden außer Dir, der nach Rumänien fährt. Was gibt es  denn da?“ und „Kannst Du rumänisch, oder kann man sich auf Englisch verständigen?“  Reiseführer gekauft, rein gelesen. Vorfreude. Was? So viel Programm?! So wenig Freizeit? Wenn ich das vorher gewusst hätte…

Die Reise

Gleis 1, Hauptbahnhof: Eine augenscheinlich nette Gruppe, ein entspannter Reiseleiter. 22 offen und neugierig wirkende Menschen, die viel zusammen erleben werden. Erste Erleichterung breitet sich aus.

Die ökologisch korrekte Version von Anreise: 25 Stunden Zug, Metro, Metro, Zug, Bus. Genug Zeit, um den Arbeitsalltag mit jedem zurück gelegten Kilometer hinter sich zu lassen und sich dem Reiseziel anzunähern. Zeit, um  zu lesen und Mitreisende kennenzulernen: Warum seid Ihr hier? Verbindet Euch etwas mit Rumänien? Ich bin europäische Ethnologin, weiß aber zu wenig über Rumänien. Meine Vorfahren sind Banater Schwaben. Hast Du die Reise als Bildungsreise genehmigt bekommen?

Das Hotel Impartatul Romanilar in Sibiu (Hermannstadt) ein ruhiger Ort. Golden, plüschig, Kronleuchter behangen. Zwei Nächte zum langsam Ankommen. Freude über das Einzelzimmer. Sibiu (dt. Hermannstadt):  Aufgeräumt und ordentlichst herausgeputzt. In der Fußgängerzone die üblichen Stores der internationalen Kleidungskonzerne. Eine deutsche Buchhandlung mit einer deutsch sprechenden Verkäuferin. Ich entscheide mich für ein Buch von Sören Pichotta. Er hat deutsche Zeitzeugen in Rumänien hinsichtlich ihrer von Krieg, Deportation und Exodous geprägten Lebenssituation interviewt. Am liebsten würde ich es an Ort und Stelle lesen. Beim Erscheinen des Buches 2013 waren einige Interviewpartner/innen bereits verstorben.

Sibiu. Europäische Kulturhauptstadt 2007. Stadtrundgang mit Beatrice Ungar, Chefredakteurin der Hermannstädter Zeitung. Politisch, historisch, humorvoll, eine resolute Frau mit trockenem Humor und Haaren auf den Zähnen: „Das sind unsere Behinderten! Die fahren mit dem Auto überall hin! Die können nicht laufen!“ ruft sie einem jungen Mann hinterher, der durch eine enge Altstadtgasse fährt. Hat Beatrice dabei wirklich auf sein Autodach geklopft, oder würde diese „Erinnerung“ nur gut zu ihrem Ausruf passen?  Kirchen, Plätze, das Rathaus, die Stadtmauer. Die Synagoge wird extra für uns aufgesperrt. Eine top sanierte Altstadt. Blick von der Oberstadt auf die Unterstadt. Pittoresk. Nur noch ein bis zwei Prozent der Bewohner/innen sind Siebenbürger Sächs/innen. Besonders bekannt: Der deutschstämmige ehemalige Bürgermeister und heutige Präsident Klaus Johannis. Im Haus des Deutschen Forums treffen wir Luminita Cioaba (und Beatrice Ungar, diesmal als Übersetzerin). Eine der wenigen Roma-Vertreterinnen, die öffentlich in Erscheinung tritt und für ihre Poesie als Autorin gewürdigt wird. Wir hören Martin Bottesch vom deutschen Forum. Er berichtet über die deutsche Minderheit der Siebenbürger Sachsen, seinen schlecht bezahlten Lehrerberuf, die Auswanderungswelle nach der Revolution. Die Jugend geht nach Deutschland oder in andere Länder, die Alten sterben. Erst stirbt die Sprache, der Dialekt, dann die Kultur? Melancholie.

In der frei verfügbaren Zeit entdecke ich beim ziellosen Umherstreifen ein wunderbares Plakat. Die Fotomontage zeigt eine Frau in traditioneller Tracht mit ihren Wurzeln, einer umgedrehten Baumkrone. Ich finde schließlich die angekündigte Ausstellung im landeskirchlichen Museum der Evangelischen Kirche und bin dort auf einmal in einem stillen Raum ganz allein: „Ein Weg wie hundert Leben“ von Renée Renard im Teutsch-Haus. Die Künstlerin verarbeitet ihre französisch-deutsch-rumänische Familiengeschichte in Bildern und Installationen. Die Deportation der Gro߬eltern nach Russland  im Januar 1945, die jahrelange Zwangsarbeit ihres Vaters, den Hochschulverweis ihrer Mutter, die Ent-wurzelung der Familie und deren Folgen für die Familie. Heimat als Thema. Der diensthabende Mann im Museum spricht deutsch. Er hat kein Exemplar des Ausstellungs¬pla-kats mehr, das ich kaufen könnte. Er hat ein Plakat in die Touristeninformation gebracht, es kann dort aus Platz¬grün-den aber nicht ausgehängt werden. Ich mache mich auf den Weg dorthin und bekomme das Plakat - die freundlichen Damen wundern sich nicht und sprechen Englisch -  geschenkt.

Erste Erkenntnis: Zwei Nächte in Sibiu sind zu wenig, ich werde wieder kommen und die Hinterhöfe fotografieren. Wir reisen weiter und lassen uns von Vlad Mihaescu durch die kleine Stadt Mediaș führen. Vlad ist ein junger Rumäne, der vor einigen Monaten aus Bukarest in ein kleines Dorf gezogen ist. „Auf dem Hügel“ wohnt er nun mit zwei Gleichgesinnten und versucht ein alternatives Leben ohne Konsum und mit möglichst wenig Geld zu leben.

Weiter im Programm: Reichlich köstliches Essen, Wein, und immer wieder auch Schnaps bis zum Abwinken (schon Vormittags!) zur Begrüßung und  zum Essen. Kirchenburgen. Ein sehr langer Spaziergang - frei von Toiletten - durch die Industriestadt Târgu Mureș (dt.Neumarkt,) angeführt von Zoltan Hajdu. Knapp die Hälfte der Bewohner/nnen sind Szekler, die anderen Rumän/innen. Nach der Wende 1989 hatte es heftige Auseinandersetzungen mit Todesopfern zwischen den ethnischen Gruppen gegeben.  Gespräch mit Zoltan und einem Journalisten über das ungarischstämmige-rumänische Zusammenleben in Târgu Mureș.  Wieder friedlich, aber auch nicht allgemein als völlig gleichberechtigt und auf Augenhöhe empfunden.

In der ländlichen Umgebung: Eine fröhliche Wanderung über Wiesen und durch Wälder bei Adrianu Mic mit Zoltan Hajdu Senior und Zoltan Hajdu Junior. Pilze werden gesammelt. Ein riesiger Parasol. Noch einer. Ganz viele. Lila Pilze, die nicht giftig, sondern besonders schmackhaft sein sollen. Staunend umringen wir den Abdruck einer Braunbärentatze im Wald. Und hören vom Raubbau an den rumänischen Urwäldern, von Korruption, vom heimlichen Holzverkauf an ein großes österreichisches Unternehmen.

Wanderung mit Pilzen – Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg e.V.. All rights reserved.

Ein Highlight am Nachmittag: Die Workshops mit Kinga Szász und ihrer Familie im Dorf Valea. Gemüse schnippeln, Teig kneten, die junge Katze streicheln und dann zum gestreichelt werden weiter reichen, Gemüse einlegen, …  Und natürlich Schnaps trinken.

Eingemachtes – Urheber/in: Astrid Staudinger. All rights reserved.

Alle sind beschäftigt. Am Ende des sonnigen Tages im Garten gibt es duftendes Brot und Apfelkirsch-kuchen aus dem Holzofen. Zakuska wird in Gläser abgefüllt, und auf Schnaps folgt Kaffee, dann kommt wieder Schnaps. Wir haben uns daran gewöhnt.

Zakuska – Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg e.V.. All rights reserved.

Eines weiteren schönen Tages entzückt Ulf Ziegler, der Pfarrer von Biertan (dt. Birthälm) v.a. die weiblichen Reisenden mit seinen charmant erzählten Anekdoten. Natürlich ist da in Biertan auch noch eine beeindruckende Kirchenburg. Zusammen mit dem inneren Ortskern schon seit 1993 UNESCO-Welterbe. Außerdem die Ostbastei, das Ehegefängnis: Ein kleiner Raum, in den einst streitende Ehepaare eingeschlossen wurden, bis sie gelobten, wieder miteinander auszukommen.

Das hat meistens funktioniert, sagt der Pfarrer.

In Mălâncrav (dt. Malmkrog) besichtigten wir mit Andrea Rost den kleinen Ort. Besuch bei Korbflechter/innen, die weniger Körbe haben, als sie gerade verkaufen könnten. Besuch bei einer Teppichweberin, die die Wolle auch selbst spinnt und färbt. Die Weberin webt und erklärt, aber auch sie hat nichts zum Verkaufen da. Zum Tagesausklang: Ein schönes Abendessen samt Wein und Schnaps in einem liebevoll restaurierten sog. Herrenhaus (Apafi Manor). Mit Unterstützung des „Mihai Eminecsu Trusts“ war es grundsaniert, modernisiert und zum Gästehaus umgebaut worden. Teile der Einrichtung (Möbel, Bilder, Bücher) sind Spenden der Bevölkerung und die, die hier auch übernachten, sind hellauf begeistert.

Malmkrog – Urheber/in: Astrid Staudinger. All rights reserved. 
In Sighișoara (dt. Schäßburg), passend zum Sonntag: „Input-Stau“ und Ruhebedürfnis. Erfreulicherweise stellt das Sich-mal-ausklinken kein Problem dar. Die, die wollen, wandern auf die Breite zu den alten Eichen, treffen sich zum Abendessen, besuchen eine Künstlerin. Natürlich verpasse ich Teile des interessanten, abwechslungsreichen und sehr gut organisierten Programms. Aber das Hotel Wagner lockt mit einer tiefen Badewanne und einem bequemen Bett. Immerhin habe ich vorher noch die mittelalterliche Altstadt erkundet, den Stundenturm bestiegen, das Historische Museum besucht, Ansichtskarten geschrieben. Und waren wir Vormittags nicht alle zusammen auch schon im Museum, in der Bergkirche und auf dem Friedhof?

Am Montag erzählen die Aktiven begeistert von ihrem Sonntag. Die anderen aber auch.

Mit dem Bus  fahren wir einmal mehr durch eine wildschöne Landschaft, diesmal nach Viscri (dt. Deutsch Weißkirch) und besichtigen eine weitere Kirchenburg. Sie ist gut erhalten, von einer Ringmauer umgeben und zählt zum Weltkulturerbe. Die Führung erhalten wir von der freundlich-resoluten Sarah-Tante. Als 79jähriges  Unikum müsste die Sarah-Tante, die  ehrenamtlich durch die Kirchenburg führt, umgehend  auch auf die Weltkulturerbeliste gesetzt werden. Eine Kulturträgerin ist sie allemal mit ihrem Wissen, ihrer Lebenserfahrung und  ihren trockenen Kommentaren zur aktuellen politischen Lage und dem Zusammenleben der Minderheiten in Rumänien. Zur Kirchenburg gehört ein Museum, in dem Relikte sächsischen Brauchtums ausgestellt werden. Auch hier sind die Exponate (Truhen, Geschirr, Werkzeug, Kleidungsstücke, …) teilweise Spenden der Bevölkerung, die für das Museum ihre Schränke geleert haben.

Die Kirchenburg in Apold (dt. Trappold) am letzten echten Reisetag ist mir eine zu viel. Obwohl sich der Besuch allein schon wegen der interessanten Führung des deutschen Burghüters Sebastian Bethge und des Rundumblicks vom Turm in die malerische Landschaft durchaus lohnt. Da dieser weitere „Kirchenburgtag“ jedoch  mit einer weiteren optischen und kulinarischen  Freude –getarnt als „Bauernpicknick“ - in Form eines köstlichen Mittagessens (und  reichlich Wein und Schnaps, ja klar!) an einer leinengedeckten Tafel verbunden ist, geht der Tag schon in Ordnung.

Am Nachmittag wird das bisher meist spätsommerliche Wetter garstig. Wir fahren mit dem Bus zum orthodoxen Kloster Brâncoveanu, um in einem Gespräch mehr über die Rolle der orthodoxen Kirche in der Gesellschaft zu erfahren. Stunden später haben wir eine beeindruckende Ikonen-Sammlung, eine große Anlage samt Kirche gesehen, dabei aber den Eindruck, dass die orthodoxe Kirche ihren Gläubigen zwar einen Ort für den spirituell suchenden Geist bieten will, während sie die weltlichen Nöte der Menschen die weltlichen Nöte der Menschen sein lässt und sich aus dem sozialen und politischem Leben heraus hält. Vielleicht ein Missverständnis?

Am letzten Abend vor der ganz langen Zugfahrt zurück noch ein Abschlussfest mit einem gemeinsamen Essen, Trinken, Fotos anschauen und Singen für Julian „Über sieben Burgen musst Du geh‘n, täglich sieben Schnäpse übersteh‘n, siebenmal musst Du ein Sachse sein, aber niemals warst Du allein.“

Astrid Staudinger war bei der Bildungsreise nach Rumänien im Jahr 2015 dabei. Ihr hat es so gut gefallen, dass Sie sich 2016 erneut auf den Weg nach Sibiu macht.

 

Leseempfehlung:
Herta Müller: Cristina und ihre Attrappe oder  Was (nicht) in den Akten der Securitate steht, Wallstein Verlag, Göttingen, 2009

Sören Pichotta: „Schicksale. Deutsche Zeitzeugen in Rumänien – Lebensmut  trotz Krieg, Deportation, Exodus“, Schiller Verlag Sibiu / Hermannstadt – Bonn, 2013

 

 

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