Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima

Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima

Hotspot in Watari – Urheber/in: Gabriela Schultze. All rights reserved.

Rede von Clemens Rostock zum 5. Jahrestag der Reaktorkatastrophe in Fukushima

Sehr geehrte Damen und Herren,

Vielen Dank für die Einladung und die Möglichkeit, die Tragödie von Fukushima und deren Wirkungen politisch einzuordnen. Viel wurde bereits zu den Schäden vor Ort gesagt. Deshalb nur noch drei Stichpunkte von mir.
Die Weltgesundheitsorganisation geht von 10.000 strahlungsbedingten Krebsfällen aus, davon ein Großteil mit tödlichem Ausgang.
Eine Fläche die zwei Dritteln der Fläche Thüringens entspricht ist auf lange Sicht nicht mehr nutzbar. Man muss sich das bewusst machen. Boden ist eine begrenzte Ressource auf der Welt, im Grund kaum vermehrbar. Dazu haben wir eine wachsende Weltbevölkerung und steigende Konflikte zwischen verschiedenen Nutzungsarten wie Ernährung bzw. Landwirtschaft, Energieerzeugung, Wohnen usw. Landgrabbing als Stichwort hat wohl jeder schonmal gehört.
Und in der Natur werden die ersten Genmutationen beobachtet. Ein Befund, der uns immer wieder erschaudern lässt.

Fukushima war bereits der zweite Gau in einem Kernkraftwerk. Mein Vorredner hat es angesprochen, es gibt verschiedene Ursachen, die zu einem Gau führen können. In Tschernobyl war es menschliches Fehlverhalten in Fukushima war es die ungünstige Aufeinanderfolge von Naturereignissen. Geht man davon aus, dass diese beiden Ereignisse die Wahrscheinlichkeit eines Gaus gut widerspiegeln, stehen uns wohl noch weitere bevor. Mit weltweit aktuell etwa 442 Reaktoren, haben wir immer noch nahezu den historischen Höchststand von 445. Und das Durchschnittsalter der Reaktoren ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Darunter einige Reaktoren die immer wieder durch Störfälle auf sich aufmerksam machen. In unserer Nachbarschaft stehen dafür Namen wie Cattenom, Fessenheim oder Temelin.

Trotz dieser GAU-Gefahr setzen einige Länder noch immer auf den Neubau von Kernreaktoren – oft mit dem Argument des Klimaschutzes. Allerdings stoßen diese Projekte vermehrt auf finanzielle Schwierigkeiten. Im finnischen Olkiluoto wurde 2005 begonnen ein Reaktor zu bauen, der 2011 fertig sein und 3Mrd € kosten sollte. Inzwischen sind die Kosten auf über 9Mrd € gestiegen und die Eröffnung ist für 2018 angesetzt. Im englischen Hinkley Point soll eine neuer Reaktor 35 Jahre eine Einspeisevergütung bekommen, die höher als die für Windkraft ist. Bei einer politischen motivierten Zwangsabschaltung soll die britische Regierung eine Entschädigung zahlen. Gegen diese Zusagen laufen auf EU-Ebene noch Verfahren, weil das den europäischen Wettbewerb ad absurdum führen würde. Aber trotz dieser Zusagen ist das Projekt auch noch nicht durch. Bei der französischen Energie de France ist letzte Woche der Finanzchef zurückgetreten, mit der Begründung dieser Reaktor sei finanziell nicht zu verantworten. Und in Polen? Dort hält die neue Regierung zwar an den Plänen des Atomprogramms der Vorgängerregierung fest, hat die Pläne aber erstmal fünf Jahre nach hinten verschoben. Energiepolitisch kann in fünf Jahren noch viel passieren. Das heißt es besteht Hoffnung, dass – zumindest in Europa, der Neubau von Kernkraftwerken keine Zukunft hat.

Land Koike – Urheber/in: Gabriela Schultze. All rights reserved.

Und bisher habe ich nur über die Baukosten und einen möglichen Gau im Betrieb gesprochen. Völlig unausgegoren sind erst die Pläne für die Nachbereitung. Die Endlagersuche in Deutschland ist noch in vollem Gange  - mit ungewissem Ausgang. Und der Rückbau von den Kraftwerken an sich ist bereits eine Herausforderung. Wir haben in Brandenburg das Kernkraftwerk Rheinsberg, dass in der Wende stillgelegt wurde. 1995 wurden 420 Mio € für den Rückbau veranschlagt. 2011 waren bereits Kosten von gut 600 Mio € angefallen und die letzten Arbeitsschritte sind für 2069 geplant!
Nun hab ich sie mit vielen Zahlen und Hintergründen erschlagen. Ich denke es ist deutlich geworden, warum wir Bündnisgrünen den Atomausstieg so schnell wie möglich wollen. Wir sind damit übrigens bei weitem nicht allein. Viele Länder in Europa hatten nie Pläne für ein Atomprogramm, wie z.B. Portugal, Norwegen, Dänemark oder Griechenland. In Irland und Österreich wurden die Atompläne vor der ersten Inbetriebnahme aufgrund heftigen Wiederstands aufgegeben. Litauen und Italien haben ihren Atomausstieg abgeschlossen und die Schweiz, Belgien und Spanien befinden sich ebenso wie wir im Atomausstieg. Die rotgrüne Regierung hatte Anfang dieses Jahrhunderts im Konsens mit den Energiekonzernen den Atomausstieg beschlossen. Das war damals wie gesagt im Konsens und für uns grüne ein schwieriger Kompromiss, weil wir ja wie gesagt eigentlich so schnell wie möglich aussteigen wollen. Die Schwarzgelbe Regierung wollte diesen Ausstieg dann 10 Jahre später wieder aufkündigen. Erst große Proteste und schließlich der Unfall von Fukushima hat die Regierung dazu bewegt, am Atomausstieg festzuhalten und diesen sogar zu beschleunigen.

Wenn man aus der Kernenergie aussteigen will, muss man natürlich auch sagen, was die Alternative ist. Für uns Bündnisgrüne ist das Ziel unsere Stromversorgung zu 100 Prozent aus Erneuerbaren sicher zustellen. Das ist auch nicht konfliktfrei. In Brandenburg ist die Windkraft ein großes Thema. Hier gibt es auch grünintern teilweise Konflikte zwischen Naturschutz und Klimaschutz. Der Gewinn für die gesellschaftliche Debatte ist dabei, dass die Energieerzeugung und deren Folgen sichtbar wird und das Bewusstsein steigt, dass Strom eben nicht aus der Steckdose kommt. Das wiederum unterstützt die Debatte, die eigentlich viel wichtiger ist, als der Ersatz den Atomstroms – nämlich die Energieeinsparung. Am einfachsten kann man auf Kernenergie verzichten, wenn man den daraus gewonnenen Strom gar nicht mehr braucht. Um dies zu erreichen kämpfen wir Bündnisgrüne z.B. für die ökologische Steuerreform, mit der wir Energie verteuern und Arbeit günstiger machen wollen. Die Wirtschaft soll an der Energie sparen und nicht an den Arbeitskräften. Aber das allein reicht natürlich nicht; viele Instrumente sind wichtig. Und da schlage ich einen Bogen zurück zu Japan. Japan ist eines der Länder, die das Frontrunner- oder Toprunner-Prinzip recht konsequent verfolgen. Alle paar Jahre wird die Energieeffizienz einiger Geräte evaluiert und das effizienteste Gerät wird zum technischen Standard erklärt, sodass keine Geräte mit einer niedrigeren Effizienz mehr auf den Markt dürfen. Dieses Prinzip wollten wir Bündnisgrüne schon häufig in Deutschland implementieren, sind aber bisher am Widerstand der anderen gescheitert. Hier hat uns Japan also noch was voraus. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und viel Erkenntnisgewinn beim Betrachten der Ausstellung.

Diese Rede hielt Clemens Rostock, Vorsitzender des Landesverbands Brandenburg von Bündnis 90/Die Grünen, am 11. März 2016 zur Ausstellungseröffnung "Hörbilder - Tschernobyl - Fukushima" im Rechenzentrum Potsdam. Diese Ausstellung fand neben anderen Veranstaltungen im Rahmen der Europäischen Aktionswochen Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima in Potsdam statt.

Ein Beispiel aus der Ausstellung: Die Geschichte von Tatjana

30 Jahre nach Tschernobyl und fünf Jahre nach Fukushima engagieren sich Initiativen und zivilgesellschaftliche Organisationen aus neun Ländern im Rahmen der Europäischen Aktionswoche „Für eine Zukunft nach Tschernobyl“. Gemeinsam setzen sie sich für eine lebendige Erinnerungskultur ein, die Tschernobyl und Fukushima nicht ausklammert, sondern die Lehren aus den Katastrophen bei der Gestaltung unserer Zukunft berücksichtigt.

Die Aktionswoche 2016 in Potsdam und Michendorf fand vom 11. März bis 15.März statt und erinnerte an die Katastrophen von Fukushima (11. März) und Tschernobyl (26. April). In zahlreichen Veranstaltungen wurden die Alternativen zur Atomenergie zur Diskussion gestellt und Konzepte zu Energieeffizienz und nachhaltigem Lebensstil debattiert.

Träger der Aktionswoche 2016 in Potsdam und Michendorf war der Verein Aktion Tschernobyl Kinder e.V. aus Michendorf.

Unterstützer/innen und Kooperationspartner/innen:

J. u. S. Jugend- und Sozialarbeit

Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg e.V.

IBB Internationales Bildungs- und Begegnungswerk

Thalia Programmkino

Stiftung SPI Niederlassung Brandenburg Nord-West

Sayonara Nukes Berlin

Manami N. freelancer

Bundesverband WindEnergie Berlin/Brandenburg

Schüler/innen der Klasse 12 Friedrich-Wilhelm-von-Steuben Gesamtschule in Potsdam

Weitere Infos und das komplette aktuelle Programm gibt es unter diesem LINK

 

 

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