Kunst als Widerstand

Veranstaltung mit Christin Lüttich und Mohammad Abu HajarVeranstaltung mit Christin Lüttich und Mohammad Abu Hajar. Urheber: Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg e.V.. All rights reserved.

So etwas hatte es in Syrien noch nicht gegeben: Musik in einer Moschee? Ein absolutes No-Go. Aber im Frühjahr 2011 wurde in vielen Moscheen des Landes ein Klagelied angestimmt. „Schande über euch!“, war der Titel des Songs, in dem Samir Chkeir, ein bis dahin wenig bekannter Musiker, gegen den Terror des Assad-Regimes ansang und der sich wie ein Lauffeuer über Syrien verbreitete. Über die Bedeutung dieses Liedes zu Beginn der Revolte in Syrien und den Widerstand von Künstler/innen vor und während des Bürgerkrieges diskutierten am Sonntag, den 21. August 2016, die Syrienexpertin Christin Lüttich und der syrische Musiker Mohammad Abu Hajar im Schloss Roskow. „Kunst als Widerstand – Gespräch über die Entwicklungen in Syrien“ war der Titel der Veranstaltung, zu der die Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg am Rande der derzeit in Roskow (Potsdam-Mittelmark) stattfindenden Kunstausstellung „Zwischen den Welten – Between the worlds“ des XXII. Rohkunstbau eingeladen hatte.

Samih Chkeir, ein sich politisch eher links positionierender drusischer Sänger, hatte das Lied im März als Reaktion auf das Martyrium der Kinder von Dar’ã geschrieben. In der knapp 100.000-Einwohner-Stadt im Südwesten Syriens waren im Februar 15 Kinder in den Folterkellern des Regimes verschwunden, weil ihnen vorgeworfen wurde, die Parole „Das Regime soll stürzen!“ an die Schulwand gesprüht zu haben. Als die Eltern ihre Kinder zurückbekamen, hatten sie ausgerissene Finger- und Fußnägel und zum Teil verstümmelte Genitalien. Das Lied „Schande über euch!“ verbreitete die Wut und Verzweiflung der Eltern über das ganze Land. Es war der Anfang des Arabischen Frühlings in Syrien.

In Hamah rappten 100.000 Demonstranten „Hau ab, Baschar!“

An den Massenprotesten mit Slogans wie „Wir sind nicht hungrig, wir wollen Freiheit!“ waren von Beginn an  Künstlerinnen und Künstler beteiligt. In Hamah, einer Stadt mit knapp einer halben Million Einwohner in Mittelsyrien, sangen im Juli 2011 auf einer Demonstration rund 100.000 Menschen nicht nur Chkeirs Klagelied. Dort trat zum Beispiel auch der Rapper Ibrahim Qashoush auf. Sein Song „Yalla irhalya Baschar!“ – auf Deutsch „ Hau ab, Baschar!“ -, den die aufgebrachte Menge von Hamah enthusiastisch mitrappte, wurde zum Hit des syrischen Aufstandes gegen Baschar al-Assad. „Das hatte eine ganz neue Qualität“, so Mohammad Abu Hajar, selbst Rapper, Journalist und  seinerzeit politisch Aktiver in der westlich von Hamah gelegenen Stadt Tartus. Die letzten Assad-kritischen Lieder habe es in den 80er-Jahren gegeben. Danach habe sich das niemand mehr getraut. Die Musiker/innen waren, wie alle Künstler/innen in Syrien, mehr oder weniger gleichgeschaltet.  Für alternative Vorstellungen gab es keine Freiräume. Wer das nicht einsehen wollte, sah sich mit einem der 15 Geheimdienste konfrontiert.   

Damit hatte sich auch Mohammad Abu Hajar anfangs notgedrungen arrangiert. 2004 hatte er begonnen Musik zu machen,  2007 machte er sogar anfangs bei Assads Präsidentschaftswahlkampf mit, spürte allerdings schnell die politischen Grenzen. Zu Beginn der Revolution nutzte er die neue Freiheit und postete Assad-kritische Songs im Internet, was ihn ziemlich schnell hinter Gitter brachte. Dort schrieb er mit einem Freund ein Lied mit dem Titel „Willst du Freiheit?“, das er, kaum wieder draußen, online stellte. Es war der Tag an dem er sich auf den Weg über Jordanien und den Libanon nach Europa machte. Denn der heute in Berlin lebende Musiker  wusste, welcher Gefahr er sich mit seiner Online-Veröffentlichung ausgesetzt hatte. Ibrahim Qashoush, der Autor des Revolutions-Hits „Yalla irhalya Baschar!“ war wenige Tage nach seinem Auftritt bei der Demo in Hamah ermordet worden. Seine Leiche wurde mit herausgeschnittenen Stimmbändern gefunden.

Mit dem Aufstand entwickelte sich eine unabhängige Kulturszene

Trotzdem war der Aufstand vom März 2011 eine Initialzündung für viele Künstlerinnen und Künstler in Syrien. „Es entwickelte sich in rasantem Tempo eine unabhängige Kunst- und Kulturszene“,  so Christin Lüttich. Die Berliner Politikwissenschaftlerin, die in jener Zeit in der libanesischen Hauptstadt Beirut lebte, hat gemeinsam mit syrischen Intellektuellen und Filmemacher/innen die Initiative „Bidayyat for Audiovisual Arts“ gegründet, die junge Filmschaffende unterstützt. Vor 2011 habe es zwar eine an der staatlichen Hochschule für Kunst für arabische Verhältnisse ausgesprochen gut ausgebildete Künstler/innenelite, für unabhängige Projekte habe es aber keinerlei Auftritts- oder Ausstellungsmöglichkeiten gegeben. Wer sich nicht gleichschalten lassen wollte, war im Exil. Syriens kritische Kunstszene saß schwerpunktmäßig in Beirut. Und plötzlich bewegte sich etwas. Kunstkollektive gründeten sich. Die Alltagsfotografie blühte auf. Die Plakatkunst entwickelte sich neu. „Auf einmal fingen alle an, Filme zu drehen – und das in einem Land, in dem es bis 2011 keine Kinoproduktionen  gab“, so Lüttich. Als Verbreitungsmedium diente vor allem das Internet, wo auch Konzerte zu finden waren. „Das war eine Aufbruchstimmung. Niemand konnte sich damals das heutige Desaster vorstellen“, sagte Lüttich.

Das begann 2013. „Der Wendepunkt von der Euphorie zur Katastrophe war das Chemiewaffenmassaker von Ghuta“, diagnostiziert Lüttich im Rückblick. Am 21. August 2013 wurde die östlich von Damaskus gelegene Stadt mit Boden-Boden-Raketen beschossen, die das Giftgas Sarin verschossen. Unterschiedlichen Angaben zufolge starben bei dem Angriff zwischen 300 und 1700 Menschen. Wer die Raketen abgefeuert hat, wurde bislang nicht endgültig geklärt. Das veränderte auch den Charakter der Kunst. Bedienten sich viele Performances anfangs noch des Mittels der Satire, so überwogen mit der zunehmenden  Anzahl an Toten und Verletzten humanitäre Themen. Die Künstlerinnen und Künstler wandten sich den menschlichen Dramen zu, berichtete Lüttich. Ein Beispiel, das das Ausmaß der Gewalt vor Augen führt ist ein Videoclip, in dem nach dem Vorbild der Show „Wer wird Millionär?“ ein Quiz mit Assad als Holzpuppe gezeigt wird. „Wer möchte eine Million umbringen?“ hieß der Clip, der es auf 30 Folgen im Internet brachte. Konnte Assad sich in den ersten Teilen noch mit 3000 Toten brüsten, um  zu gewinnen, waren es ein Jahr später schon 200.000 Opfer, die auf sein Konto gingen.

Die größte humanitäre Katastrophe seit 1945

„Heute wissen wir, dass in Syrien die größte humanitäre Katastrophe seit 1945 stattfindet“, sagte Christin Lüttich.  Das Drama von Aleppo ist nur die Spitze des Eisbergs. 500.000 Menschen hat der Bürgerkrieg in den vergangenen fünf Jahren das Leben gekostet. 70 Prozent der knapp 21 Millionen Menschen des Landes sind auf der Flucht, allein 4,8 Millionen davon im Ausland. Was können Bürgerinnen und Bürger für dieses Land tun? Den Flüchtlingen helfen, sagte Rapper Mohammad Abu Hajar. Und: Die geflüchteten Künstler/innen brauchen vor allem Auftrittsmöglichkeiten und Kontakte in die hiesige Kunstszene. „Wir wollen als Künstler mit unserer Kunst anerkannt und nicht als geflohene Künstler bemitleidet werden“, so Hajar.

Weitere Infos:

-    Malu Halasa, Zaher Omnareen, Nawara Mahfoud (Hg): Syria speaks. Art and Culture from the Frontline. London 2014, Saqi-Verlag

-    „Bidayyat for Audiovisual Arts“ gGmbH: http://bidayyat.org/

-    Adopt a revolution. Die syrische Zivilgesellschaft stärken: www.adoptrevolution.org
               

 

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