Radikalisierung im Internet und medial Inszenierung von Terror

Radikalisierung im Internet und medial Inszenierung von Terror

Von links nach rechts: Inka Thunecke, Stephan Humer, Hamid Sulaiman.Von links nach rechts: Inka Thunecke, Stephan Humer, Hamid Sulaiman. Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg e.V. All rights reserved.

Welche Rolle spielt das Internet bei der Radikalisierung junger Menschen? Worin liegt die Attraktivität der Präsentation des Islamischen Staates (IS) in den Sozialen Medien? Darüber diskutierten am Sonntag, den 28. August 2016 der Internetsoziologe Stephan Humer und der syrische Künstler Hamid Sulaiman am Rande der derzeit in Roskow (Potsdam-Mittelmark) stattfindenden Kunstausstellung „Zwischen den Welten – Between the worlds“ des XXII. Rohkunstbau. „Radikalisierung im Internet und mediale Inszenierung von Terror“ war der Titel der Veranstaltung, zu der die Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg geladen hatte.

Hamid Sulaiman ist einer der elf Künstler, die derzeit im Roskower Schloss ausstellen. Seine Heimat hat er schon lange verlassen. Derzeit lebt der 1986 in Damaskus geborene Comic-Zeichner, der als Chronist des gescheiterten „Arabischen Frühlings“ gilt, in Paris. Kurz nach den Anschlägen des IS im vergangenen November postete er in den Sozialen Medien ein Foto von sich und seiner französischen Frau beim Küssen. Darunter stand: „Fuck off! Love will always win!“ In Roskow zeigt er Auszüge aus seinem „Brain-Wash-Projekt“, das sich mit der Verführbarkeit von Jugendlichen für den islamischen Terror befasst. „Mich interessiert, wie die Medien uns beeinflussen“, so Sulaiman. Antworten, was dagegen zu tun sei, könne er dagegen kaum geben.

Identitätssuche? Der IS liefert Antworten

Den Grund für die Verführbarkeit von Menschen durch Angebote im Internet sucht Suleiman allerdings weniger in diesem Medium. Das habe vor allem während der Revolte 2011 in Syrien, wo die Menschen davor über Jahrzehnte nur zwischen den Ideologien des Nationalismus und der Religion wählen konnten, zunächst für eine Befreiung gesorgt. Plötzlich konnten sich Gleichgesinnte zusammenfinden. Radikalisierungen finden seiner Ansicht nach statt, weil viele Leute heutzutage auf der verzweifelten Suche nach einer Identität seien. Vor allem die jugendlichen Migranten der 2. Generation in Europa seien oft hin- und hergerissen zwischen der immer noch weitgehend traditionellen Lebensweise ihrer Eltern zuhause und dem modernen Leben auf der Straße. „Sie wissen nicht wer sie sind und wohin sie gehören“, findet Suleiman, „aber auf den Online-Seiten des IS finden sie Antworten und eine Gemeinschaft.“

Der Internetsoziologe Stephan Humer sieht das ganz ähnlich. Humer ist Mitglied des Berliner Netzwerkes Terrorismusforschung und arbeitet an der Hochschule Fresenius in Berlin über die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Verhältnis von Sicherheit und Freiheit. „Der IS sieht, wo unsere Gesellschaften keine Antworten liefert und nutzt das strategisch“, so Humer. Durch professionell Angebote von der Online-Koranschule bis zum Hinrichtungsvideo. Die moderne Technik macht‘s möglich.

Stichwort Sharia: Der IS ist unter den ersten Treffern bei Google

Das Problem sei allerdings nicht das Internet, sondern der Umgang damit. Online-Medien unterscheiden sich von traditionellen Medien wie Radio oder Fernsehen vor allem dadurch, dass sie interaktiv sind. Auf jede Frage gibt es sofort eine Antwort. „Online bekomme ich für jedes Problem eine Lösung“, so Humer. Ob es die richtige ist, spielt dabei jedoch keine Rolle. Wer zum Beispiel bei Google das Wort „Sharia“ eingebe, bekomme unter den ersten Treffern eine Internetseite des IS präsentiert. Und die vermeintlichen Lösungen werden mit hoher Geschwindigkeit bereitgestellt. Wer mit fundamentalistischen Ideen sympathisiert, muss nicht mehr in eine Moschee gehen, vertraute Gleichgesinnte kennenlernen, was früher Monate dauern konnte. Heute passiert das in Sekunden mit ein paar Klicks.

Deutschland mangelt es an einer digitalen Kultur

Und was kann eine Gesellschaft gegen derartige Verführungsangebote tun? Verbote sind eine völlig hilflose Reaktion der Politik – da sind sich der Künstler und der Soziologe einig. „Alles, was verboten ist, wird erst recht gemacht“, weiß Hamid Sulaiman aus eigener Erfahrung in Syrien. „Verbote sind völlig naiv“, findet auch Stephan Humer. Notwendig sei ein völlig andere Umgang mit dem Medium Internet. „Deutschland fehlt es an digitaler Kultur“, so Humer.

Darunter versteht Humer u. a. die Vermittlung kritischer Kompetenz im Umgang mit Online-Angeboten – also die Fähigkeit, die Plausibilität und Glaubwürdigkeit der Informationen zu prüfen und zu bewerten. Außerdem brauche es eine gesellschaftliche Verständigung über soziale Normen im Internet. Dazu zählt Humer etwa eine Verhaltensetikette für die Online-Welt, also Regeln darüber, welche Umgangsformen in Interaktionen akzeptabel sind und was als nicht tolerierbar geächtet werden muss. Und schließlich denkt Humer an eine Art „Counter-Narrativ“ in Form von Sinnangeboten, die auf der Grundlage von liberalen und demokratischen Werten formuliert werden. „Wir müssen einfach besseren Content schaffen“, so Humer.

Hamid Sulaiman vertraut derweil nicht allein der Vernunft. Er glaubt lieber an die Kraft der Emotion. Kunst und Kultur könnten Identitäten schaffen, sagt er. Das habe man während des „Syrischen Frühlings“ gesehen. „Kultur ist Bildung“, so Sulaiman.

Kommentare

Tolle Veranstaltung. Nur: Sie

Tolle Veranstaltung. Nur: Sie fordern einerseits zum teilen des Textes auf (oben rechts auf dieser Seite) aber unter dem Artikel steht "All rights reserved".
Darüber sollten Sie vielleicht mal nachdenken! Denn rein rechtlich darf dann niemand diesen Artikel teilen....

Hallo klisch,

Hallo klisch,
die Lizenz für diesen Artikel wurde angepasst, vielen Dank für die Information. Sie können den Artikel nun unbesorgt teilen.
Viele Grüße /jw

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