Stasi-Kinder – Aufwachsen im Überwachungsstaat

Urheber: Bernhard Freutel. All rights reserved.

Um das Aufwachsen im Überwachungsstaat und vor allem die Erfahrungen der Stasi-Kinder ging es am 29. November 2016 im Grünen Salon Falkensee, zu dem die Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg eingeladen hatte. Dass die Tätigkeiten der Hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter auch für deren Kinder noch einen langen Schatten in die Gegenwart werfen, zeigt aktuell die Debatte um die Nominierung von Andrej Holm, als Staatssekretär für Stadtentwicklung in Berlin. Aufgewachsen in einer regimetreuen Familie folgte Holm 18-jährig dem Vater in den Dienst der Stasi, bis zur Wende. Heute wird seine Nominierung zum Staatssekretär zum Politikum für die Regierungskoalition.

Zu Gast im Grünen Salon war die Journalistin und Autorin Ruth Hoffmann, die in einer langjährigen Recherche die Geschichten und Erlebnisse der Kinder von Stasi-„Hauptamtlichen“ aufschrieb und in einem Buch veröffentlichte. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es nahezu keine Forschung zu den Erfahrungen der Kinder von Stasi-Mitarbeitern. Dementgegen offenbaren die gesammelten Geschichten von Frau  Hoffmann, in welchem Maße das Klima aus Misstrauen, Angst und Kontrolle die eigenen Familien der Stasi-Mitarbeiter betraf und wie sich die beklemmende Atmosphäre der Überwachung auch auf den Familienalltag ausgewirkt hat. Zwei „Stasi-Kinder“ erzählten in der Veranstaltung von ihren Erfahrungen, die verdeutlichten, wie wichtig die Aufarbeitung der Familiengeschichte für viele Stasi Kinder noch heute ist und wie wenig deren Schicksale bislang in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Trotz der Unterschiedlichkeit der persönlichen Erfahrungen findet Hoffmann bemerkenswerte Parallelen in den Geschichten vieler Stasi-Kinder. Hauptamtliche Mitarbeiter, meist die Väter, überwachten nicht nur die Gesellschaft, sondern sollten sogar  im Privatleben für ein einwandfreies sozialistisches Umfeld sorgen. Sie  standen unter einem immensen Druck, die eigene Familie auf Linie zu halten.  Vor allem „abweichendes“ Verhalten der Kinder wurde beobachtet, wie Hoffmann anhand mitgebrachter Aktenkopien von Stasi-internen Listen zeigte. So konnten Kontakte zum falschen Fußballverein, die Vorliebe für bestimmte Musikgruppen oder aber der Kleidungsstil ein Problem für den Hauptamtlichen werden.  In den Akten ließen sich eine Unmenge an Stellungnahmen und Rechtfertigungen von Vätern für ihre Kinder finden, die in letzter Konsequenz zu einem Lossagen und dem Kontaktabbruch führen konnten. So erlebte es auch Thomas Stoye, der als Zeitzeuge zur Veranstaltung gekommen war. Aufgewachsen in einem vorbildlich-sozialistischen Haushalt mit einem hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiters als Vater war sein Werdegang und Karriere bei der „Firma“ eingeplant und beschlossene Sache. Du kommst zu „uns“ habe es geheißen. Bei der Stasi konnte man sich nicht bewerben, man wurde „als Kader abgeschöpft“ berichtet Thomas Stoye. Letztlich gibt er aber aufgrund der eigenen Familiengründung den Studienplatz an der Offiziershochschule zurück. Der erste große Bruch mit dem Vater, der für den Sohn in einer Wohnungszuteilung in Schwedt (Oder) weit ab von Berlin und der Familie endete. Man sei ausgestiegen und „ausgestiegen worden“. Einige Jahre später wurde Stoye aufgrund eines kritischen Wandplakates verhaftet und musste ins Gefängnis. Der Vater sagte sich offiziell von ihm los. Auch nach der Entlassung wird es keinen Kontakt zwischen den beiden mehr geben.

In den allermeisten Fällen schweigen die Hauptamtlichen Mitarbeiter über ihre Tätigkeit, nicht nur öffentlich, sondern auch privat, was es für die Kinder schwierig macht, einen Umgang mit der eigenen Familiengeschichte zu finden. Dieses Schweigen und die Unfähigkeit über die Tätigkeit der Eltern zu reden sei eine gemeinsame Erfahrung der Stasi Kinder, so Hoffmann.  Dass dieses Schweigen auch 25 Jahre nach der Wende fortbesteht, davon berichtete eine Zeitzeugin, die zur Wende zwar noch ein Kind war, die Auswirkungen der Stasi Tätigkeit der Eltern besonders aber nach der Wende in Form von Ausgrenzungen in der Schule spürte.

Dass das Sprechen und die Auseinandersetzung mit der eigenen Familie helfen kann, das berichten beide Zeitzeugen, auch wenn die direkte Auseinandersetzung mit den Eltern nicht immer möglich ist. Das Buch von Ruth Hoffmann hilft, die Schicksale und Erfahrungen der Stasi Kinder nicht nur einer größeren Öffentlichkeit, sondern auch anderen Stasi-Kindern bekannt zu machen. Erst seit einem Jahr gibt es eine  deutschlandweit erste Selbsthilfegruppe in Berlin. Auch nach der zwei-stündigen Veranstaltung blieben die meisten Besucher und Besucherinnen noch und diskutierten in kleinen Gruppen weiter, das Thema ist von Interesse und der Bedarf an Austausch ungebrochen.

Ruth Hoffman wurde auch, im Verlauf der Affäre um Anrej Holm, zum Thema Stasi-Kinder interviewt. Diese Interviews können in der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung nachgelesen werden. 

Der Grüne Salon in Falkensee ist eine Veranstaltungsreihe der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg, die vierteljährlich aktuelle gesellschaftliche und politische Themen aufgreift und mit Interessierten aus Falkensee und Umgebung diskutiert. Weitere Informationen finden Sie hier im Blog.

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