Bildungsreise: Von Hermannstädter Löchern und Malmkroger Büffeln

Bildungsreise: Von Hermannstädter Löchern und Malmkroger Büffeln

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Bericht zur Bildungsreise durch Siebenbürgen (Rumänien) vom 4. Bis 14. Oktober 2016

Die rumänische Region Zentrum ist Partnerregion des Landes Brandenburg; die Kontakte zwischen den beiden Regionen aber noch ausbaufähig. Dabei haben die Regionen einige sehr ähnliche Herausforderungen, bei deren Bewältigung man von einander lernen könnte: Schrumpfende Bevölkerung im ländlichen Raum, die Stadt-Land-Beziehungen, die Erhaltung (Rumänien) oder Förderung (Brandenburg) der Biodiversität oder die Integration Erneuerbarer Energien ins Wirtschaftssystem.

Die Reise durch den südlichen Teil Siebenbürgens (ein Teil der Region Zentrum) vom 4. Bis 14. Oktober 2016 führte 12 Teilnehmende durch Städte wie Sibiu (Hermannstadt), Sighişoara (Schäßburg) und Braşov (Kronstadt) und auch durch ländliche Regionen: in ungarisch-geprägte Dörfer wie Adrianu Mic (Kisadorján) oder Valea (Jobbágyfalva), siebenbürger sächsisch (mit scharfen „s”!) – geprägte Dörfer wie Viscri (Deutsch Weißkirch), Malâncrav (Malmkrog) oder Apold (Trappold) und auch rumänisch-geprägte Orte wie Vad oder Şercaia.

Das multikulturelle Siebenbürgen sollte erfahren werden. Dafür traf sich die Gruppe mit Vertreter*Innen der drei größten Minderheiten (Siebenbürger Sachsen, Roma und Ungarn). Ein Schwerpunkt lag bei den Siebenbürger Sachsen. Deutsche in Rumänien gab es vor dem Zweiten Weltkrieg mal über eine halbe Million. Jetzt sind es noch etwa 30.000. Hermannstadt mit seinen etwa 1.500 Vertreter*Innen und beachtlichem politischen Einfluss und Malâncrav (Malmkrog) mit seinen 130 Siebenbürger Sachsen sind vielleicht noch die letzten Relikte einer vergangenen Zeit, in der Siebenbürger noch sehr viel multikultureller war als 2016. Der Schäßburger Wilhelm Fabini hat die letzten Sachsen als „Kulturdünger” bezeichnet – eine sehr lebensbejahende Haltung. Das, was vergeht, ist die gesunde Lebensgrundlage (also der Humus) für zukünftige Generationen und gibt seine Nährstoffe (Sprachkompetenzen, Gebäude und soziale Gefüge) an diese meist rumänischsprachige Generationen ab.

Marga Grau zeigte der Gruppe in Ihrer Stadt Hermannstadt viele Schlupfwinkel und Einfahrten, die sie Löcher nannte („Ich soll Ihnen noch ein paar Hermannstädter Löcher zeigen!”). In Malmkrog war ein Highlight die Ankunft des Weideviehs im Dorf – Kühe und Büffel trabten gemächlich und allein bei Dämmerung nach Hause, jede in ihren Hof – eine wunderschön neblige Herbstabendszenerie in dem malerischen Dorf.

Der zweite thematische Schwerpunkt der Reise war die Landwirtschaft. Rumänien ist ein Agrarstaat mit vielen Klein- und Kleinstbauern, die größtenteils in einer Semisubsistenz leben. Diese Strukturen werden mit der Förderlogik der EU und Finanzspekulationen auf Land aus dem Ausland bedroht. Willy Schuster aus Moşna (Meschen) ist ein Vorkämpfer der rumänischen Kleinbauern. Er hat die Gruppe zu sich eingeladen. Hier gäbe es viele Anknüpfungspunkte auch für unsere Region: Genauso wie Berlin ein großer Markt für regionale Brandenburger Bioprodukte ist, entsteht so langsam die Nachfrage in Städten Siebenbürgens wie Sibiu oder Braşov. – Dies und der hervorragende Geschmack der Produkte, von denen sich die Gruppe überzeugen konnte, sind nur zwei von vielen Hoffnungsschimmern aus dieser schönen Region.

Ein Video, welches die gesamte Reise in 13 Minuten zusammenfässt, kann hier (externer Youtube-Link) angesehen werden.

Die Heinrich Böll Stiftung Brandenburg bietet auch 2017 Bildungsreisen nach Siebenbürgen und Nachbarregionen an, mehr Informationen finden Sie hier. Bei Interesse melden Sie sich gern bei Julian Gröger (groeger@boell-brandenburg.de)

 

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