Tschetschenische Flüchtlinge- angekommen und integriert?

Tschetschenische Flüchtlinge- angekommen und integriert?

Links Moderation: Rebecca Ruff/ Rechts Referentin Margit Cremer (Foto: HBS Brandenburg)Urheber/in: Heinrich Böll Stiftung Brandenburg. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Anfang Dezember 2016 lud die Heinrich- Böll- Stiftung Brandenburg im Rahmen ihres Projekts CUCHA zu einem Informationsabend zum Thema Geflüchtete aus Tschetschenien ein. In die Siechenhauskapelle in Neuruppin kamen ca. 30 Personen, darunter viele ehrenamtlich Engagierte in Willkommensbündnissen und anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen aus Neuruppin und Umgebung. Da viele gerade diese in ihrem Engagement mit Menschen aus Tschetschenien in Kontakt kommen, bestand großes Interesse sich über die nordkaukasische Region und die gesellschaftliche und politische Situation dort zu informieren, sowie die Fluchtgründe und die Probleme der Geflüchteten hier in Deutschland kennen zu lernen. Besonders aktuell ist das Thema für Brandenburg, da Geflüchtete aus der Russischen Föderation die zweitgrößte Personengruppe nach syrischen Geflüchteten in Brandenburg ausmachen.

Die Referentin Marit Cremer hat längere Zeit in Russland gelebt, spricht Russisch und ist heute die Geschäftsführerin der Organisation MEMORIAL Deutschland die Menschenrechtsverletzungen in der Ostukraine beobachtet. Sie hat zum Thema  „Bewältigungsstrategien von Flüchtlingen im Migrationsprozess“ promoviert. Durch eine weitere biographische Studie über Frauen in Tschetschenien (Titel: „Fremdbestimmtes Leben“) hat sie tiefgreifende Einblicke in die Einstellungen und Werte der tschetschenischen Gesellschaft erhalten, so dass sie die sozialen Strukturen des Landes in ihrem Referat auf Basis ihrer empirisch wissenschaftlichen Arbeit darstellen konnte.

Die Region, halb so groß wie Brandenburg und mit einer geschätzten EinwohnerInnenzahl von 1,3 Millionen, ist nach den Tschetschenienkriegen der 90er Jahre zwar offiziell zur Ruhe gekommen, doch ist die Lage für viele Menschen weiterhin schwierig und gefährlich- u.a. aufgrund verschiedenster Machtinteressen, großer Armut und Rechtsunsicherheit. Die vier Hauptfluchtgründe seien laut der Referentin: Kampfhandlungen und Anschläge, die wirtschaftliche Situation (Tschetschenien ist die ärmste Region Russlands), die Islamisierung des Alltagslebens und der wachsende politische und gesellschaftliche Druck, besonders für Frauen. Der derzeitige Machthaber Ramsan Achmatowitsch Kadyrow konnte mit Russlands Unterstützung in Tschetschenien ein hochrepressives Regime etablieren, in dem potentielle Abtrünnige durch öffentliche Demütigungen, Entführungen und Ermordungen eingeschüchtert werden. Viele Menschenrechtsorganisationen werfen ihm verschiedene Verbrechen gegen ZivilistInnen vor. Sehr anschaulich erklärte die Referentin, wie sich Unsicherheit in der Rechtslage etabliert hat, da neben dem Adat, einem Jahrhunderte altem Gewohnheitsrecht, auch der Islam mit seiner Scharia Gesetzgebung Anwendung findet, obwohl es im Land gleichzeitig eine säkulare Verfassung mit geltendem Recht gibt. Besonders die Sippenhaft im Adat stellt dabei ein Problem dar, dass sie zu einer nicht enden wollende Gewaltspirale führen kann.

Besonders Frauen müssen bei Fehlhandlungen mit Gewalt und teilweise auch Ermordung rechnen, da sie sonst die Ehre der Familie beschmutzen. Die Referentin konnte durch Ihre Studien eindrucksvoll erzählen, was Frauen bis zu ihrer Ankunft in Deutschland alles erleben, wie dies ihre Handlungsstrategien beeinflusst und wie weit der Arm von Familie und tschetschenischem Regime auch nach Deutschland reicht. Dadurch und durch die sehr anders gestaltete gesellschaftliche Organisation, wie auch dem Misstrauen gegenüber staatlichen Autoritäten, gestaltet sich das Ankommen für Tschetschenen in Deutschland oft schwierig. Im Anschluss an den Vortrag stellten ZuhörerInnen weitere Fragen und eine kleine Gruppe von anwesenden Tschetscheninnen, schilderten wie sie ihre eigene Situation nach der Flucht in Deutschland empfinden. Dabei kam zum einen die Dankbarkeit der Geflüchteten zum Ausdruck, hier und in Sicherheit sein zu können, gleichzeitig aber auch der Wunsch danach arbeiten zu dürfen und das Heimweh nach dem Herkunftsland. Die Veranstaltung zeigte, dass es viel Interesse an dem kleinen Land im Nordkaukasus gibt und Hintergrundinformationen unabdingbar für ein gegenseitiges Verstehen sind.

CUCHA ist ein Projekt der Heinrich- Böll- Stiftung Brandenburg, indem Abendveranstaltungen, Seminare und Weiterbildungen kostenfrei angeboten werden, um Engagierte in Willkommensinitiativen und Zivilgesellschaft zu unterstützen, um ein diskriminierungsfreies Klima in Brandenburger Kommunen zu schaffen.

 

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