Afghanistan – Sicheres Herkunftsland? Fotovortrag von Erik Marquardt mit anschließender Diskussion

Afghanistan – Sicheres Herkunftsland? Fotovortrag von Erik Marquardt mit anschließender Diskussion

Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

In den letzten Monaten wurde viel über die Situation in Afghanistan diskutiert: Die Schutzquote für afghanische Geflüchtete in Deutschland lag 2016 bei unter 50 Prozent und bedeutet seitdem eine sogenannte „schlechte Bleibeperspektive“. Die Bundesregierung hält einzelne Provinzen und die Hauptstadt Kabul für sicher genug um geflüchtete Afghan/innen dorthin abzuschieben. Seit Februar 2017 sind bereits zwei Flugzeuge mit insgesamt 59 abgelehnten Asylbewerber/innen nach Kabul geflogen. Ende März hat sich das Land Brandenburg schließlich erstmalig an einer Sammelabschiebung afghanischer Geflüchteter beteiligt. Doch wie ist die aktuelle Lage in Afghanistan wirklich und was erwartet dort die abgeschobenen Asylbewerber/innen? In Brandenburg kommen viele, die sich für Geflüchtete einsetzen, mit Menschen aus Afghanistan in Kontakt. Daher bestand großes Interesse daran sich über das zentralasiatische Land und die gesellschaftlich-politische Situation dort zu informieren sowie die Fluchtursachen der Afghan/innen genauer zu verstehen. Dazu lud die Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg zu einem Fotovortrag über die aktuelle Situation in Afghanistan ein. Zu Gast waren Erik Marquardt, der die Balkanroute und Afghanistan als Fotograf bereiste, der Anwalt für Asylrecht Rolf Stahmann und die Europaabgeordnete Ska Keller. In das Kulturzentrum freiLand in Potsdam kamen ca. 30 Personen, darunter viele ehrenamtlich Engagierte.

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Zu Beginn verdeutlichte der Rechtsanwalt für Asylrecht Rolf Stahmann, was die aufgenommen Abschiebungen nach Afghanistan für Geflüchtete in Brandenburg auf rechtlicher Ebene bedeuten und in welchen Fällen Afghan/innen tatsächlich die Abschiebung droht. Die Glaubwürdigkeit im Asylverfahren spiele dabei eine grundlegende Rolle.  Insbesondere diejenigen Afghanen, die in ihrer Heimat für westliche Einsatzkräfte – u.a. die Bundeswehr – gearbeitet haben, seien bei einer Rückkehr der konkreten Verfolgung durch die Taliban ausgesetzt, da diese eigene ‚black lists‘ mit den Namen der „Verräter“ führen. Nur Wenige kehren aus verschiedenen Gründen tatsächlich freiwillig zurück, z.B. aufgrund von Frustration über die lange Dauer des Asylverfahrens. Stahmann berichtet, dass in den meisten Fällen die Negativbescheide des BAMF vor den Verwaltungsgerichten angefochten werden können. Inzwischen fordern nicht allein mehr zivilgesellschaftliche Akteure einen Stopp der Abschiebepraxis - auch mehrere Bundesländer haben bereits 3-montige Abschiebestopps nach Afghanistan verhängt.

Im weiteren Verlauf gab uns die Fraktionsvorsitzende der Grünen/EFA im europäischen Parlament Ska Keller einen Einblick in die Migrationspolitik der Europäischen Union und betonte dabei, dass in der Debatte um Abschiebungen nach Afghanistan vor allem politisches Interesse einzelner Akteure eine Rolle spiele. Im Interesse mehrerer europäischer Staaten steht demnach ein Rücknahmeabkommen mit der afghanischen Regierung: 80.000 in der EU abgelehnte afghanische Asylbewerber/innen sollen wieder in Afghanistan aufgenommen werden, sonst drohen Kürzungen der Entwicklungshilfe. Das Papier wurde ausgehandelt, weil es auf europäischer Seite die Befürchtung um künftige Fluchtbewegungen aus Afghanistan gibt. In die Verhandlungen dazu war das Europäische Parlament jedoch nicht einbezogen worden.

Einen Einblick in die tatsächliche Lage und den Alltag in Afghanistan wurde durch den Fotovortrag von Erik Marquardt vermittelt. Der Fotograf und Fotojournalist war Anfang 2017 für zwei Wochen in Kabul und Mazar-e Sharif und hat sowohl dort als auch entlang der Fluchtroute über die Türkei, Griechenland und den Balkan Eindrücke über die aktuelle Situation der Menschen fotografisch festgehalten. Über seine eindrücklichen Fotos nahm er das Publikum mit auf seine unternommene Reise und stellte dabei die Menschen vor Ort vor, mit denen er über ihre individuellen Situationen, ihren Alltag und ihre Wünsche gesprochen hat. Die afghanische Bevölkerung ist derzeit  in einen hochkomplexen Konflikt verwickelt: zum einen zwischen der Regierung, den Taliban, dem IS, verschiedenen Warlords und lokalen Bürgerwehren, zum anderen existieren ethnisch-religiöse Spannungen. Während insbesondere junge Paschtunen Gefahr laufen von den Taliban als Kämpfer zwangsrekrutiert zu werden, bilden Angehörige der shiitischen Hazara eine Zielgruppe für Anschläge und Tötungen und werden auch von staatlicher Seite als Volksgruppe diskriminiert. Das Bild der Hauptstadt ist von allgegenwärtiger Gefahr und Angst gezeichnet, denn mittlerweile wird beinahe täglich ein Anschlag verübt. Mitarbeiter/innen von NGOs sowie Politiker/innen und Diplomat/innen würden nach der Landung in Kabul nur von Hubschraubern transportiert und dürfen ihr Quartier während der ganzen Zeit nicht verlassen - weil es zu gefährlich ist. Die Einwohnerzahl Kabuls hat sich innerhalb weniger Jahre von 1 Mio. auf inzwischen 5 Mio. erhöht, auch weil mittlerweile afghanische Geflüchtete aus den Nachbarstaaten Iran und Pakistan ins Land zurückgedrängt werden. Wohnraum und Arbeitsmöglichkeiten sind rar gesät. Viele Zugezogene leben in notdürftig errichteten Zeltsiedlungen zum Teil unter menschenunwürdigen Bedingungen in unzureichenden  Flüchtlingscamps. Erik Marquardt berichtete weiterhin von den Auswirkungen, der am Boden liegenden Wirtschaft des Landes. Aus wirtschaftlicher Not heraus müssen immer mehr Kinder die Schule abbrechen, um ihren Eltern finanziell aushelfen zu können, in dem sie betteln gehen oder Wertstoffabfälle sammeln.

Erik Marquardt berichtete aber auch über persönliche Erzählungen und Schicksale, die vor allem einen Willen für Veränderung und Verbesserungen zeigen. So dienen zahlreiche Graffitis an den  Häuserwänden einerseits als Ausdruck des Stimmungsbildes der Menschen, andererseits sollen sie die Trostlosigkeit des Alltags überwinden und Hoffnung schenken.

 

In der anschließenden Diskussion äußerten viele der Anwesenden im Publikum, dass aufgrund der berichteten menschenunwürdigen Verhältnisse im Land und auf der Fluchtroute Abschiebungen nach Afghanistan derzeit nicht vertretbar sind.  Thematisiert und nachgefragt wurden die rechtlichen Möglichkeiten für afghanische Geflüchtete anerkannt zu werden und wie politisch Druck auf die verantwortlichen Politiker/innen ausgeübt werden kann. Am Ende der Veranstaltung stellte sich noch das Projekt „Angehörigensuche“ von der Gruppe Potsdam Konvoi (www.potsdam-konvoi.de) vor, die versuchen Geflüchtete in Griechenland zu ihren Familienangehörigen nach Potsdam zu bringen.

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