Bildungsreise Westukraine : Freiheit ist unsere Religion

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Vom 23. Juli 2016 bis 2.8.2016 fand die erste Bildungsreise der HBS Brandenburg in die West-Ukraine statt. 24 Teilnehmende reisten mit dem Zug über Krakau, Lemberg (Lviv), Uzhgorod, Czernowitz in die Haupstadt der Ukraine Kiew.

Freiheit ist unsere Religion.  In Englisch und Ukrainisch stehen die Buchstaben auf riesigen Transparenten an einem mehrstöckigen Gebäude am Maidan in Kiew. Zerberstende Ketten verweisen auf den Freiheitswillen.  In Kiew endet die Reise der HBS Brandenburg. Der Maidan – unter gleißender Sonne ziehen Touristen ihre Koffer hinauf zum Hotel Ukraina, vorbei an den vielen Erinnerungstafeln, die auf die Toten der Tage des Maidan weisen. Die Bilder vom Maidan, die wir kennen, wurden in der Regel von den oberen Stockwerken des Hotel Ukraina gemacht.

Hotel Kiew. Urheber: Inka Thunecke/ Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Hochsommer in Kiew – der Brunnen auf dem Maidan wird zum Kinderspielplatz. Kleine Kinder in Badehosen springen zwischen den Fontänen hin und her. Frauen haben ihre Schuhe ausgezogen und kühlen die Füsse. Nachts ist der gleiche Platz ein Treffpunkt, kleine Gruppen sitzen auf den Stufen, manchmal hört man Musik. Überall sind Plakate mit der Erinnerung an die Toten des Maidan angebracht. Die Erinnerung wird wachgehalten, die Trauer ist spürbar.

Auf dem Weg zu den beiden sich gegenüberstehenden Kathedralen, der Sophienkathedrale und dem Kloster des heiligen Michael mit den goldenen Kuppeln, Kneipen, Restaurants, Ausgehzeit. Auf dem Hügel dann unwirklich erleuchtet, wie gemalt, die Klosterkirche des heiligen Michael. Leuchtend blau und golden die Kuppeln und darunter am Rand die Mauer mit den Toten des Krieges in der Ostukraine. 2014 sind es knapp 2000 Bilder und Namen von überwiegend jungen Männern. 2015 noch über tausend, 2016 knapp 500 Männer, die in der Ostukraine ihr Leben verloren haben.

Sophienkathedrale und das Kloster des heiligen Michael. Urheber: Inka Thunecke/ Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Der Leiter der Böll-Stiftung Kiew, Sergej Sumlenny, berichtet, dass pro Woche trotz Waffenstillstand ca. 10 Menschen an der Front sterben. Es ist Krieg. In der Stadt hängen Plakate, um Soldaten anzuwerben.

Anwerbeplakat der Armee in Kiew. Urheber: Inka Thunecke/ Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.Er erzählt von einem Besuch mit seinen Kindern in den Städten der Ostukraine, über die Ukraine die Kontrolle wiedererlangt hat und in denen nicht mehr gekämpft wird, ein Bild der Zerstörung ist dort immer noch zu sehen: zerbombte Häuser, zerschossene Straßenschilder. Gibt es Menschen auf beiden Seiten in der Ukraine und in Russland, die sich für den Frieden aussprechen? „In der Ukraine gibt es eine große Sehnsucht nach Frieden – aber nach einem Frieden in Freiheit und Unabhängigkeit; d.h.  Wiederherstellung der Kontrolle über das gesamte ukrainische Territorium, also inklusive der derzeit durch die Russische Föderation besetzten Halbinsel Krim und der derzeit durch die beiden selbstproklamierten „Volksrepubliken“ besetzten Gebiete im Donbas. –  Eine Friedensbewegung, die sich dafür einsetzt, wird die Zustimmung weiter Bevölkerungsteile erfahren. – Mit Skepsis betrachtet werden hingegen jene Friedensaktivisten, die einen ‚Frieden um jeden Preis‘ – also auch um den Preis der Aufgabe der eigenen Freiheit und Unabhängigkeit - propagieren. Solche Forderungen würden eher als Teil der hybriden Kriegsführung aus der Russischen Föderation wahrgenommen werden, und es gibt Hinweise darauf, dass derartige Gruppierungen tatsächlich Unterstützung von dort erhalten“ sagt einen Tag später Daniel Lissner von der deutschen Botschaft.

Der Krieg in der Ostukraine ist allgegenwärtig und wirkt dennoch seltsam fern im Alltag der Großstadt Kiew. Ein Besuch bei der NGO CrimeaSOS verdeutlicht noch einmal die Folgen der Aggression der russischen Föderation. CrimeaSOS kümmert sich vor allem um die vielen Tausende von Binnenflüchtlingen und unterstützt diese dabei in den nichtbesetzten Gebieten der Ukraine Fuß zu fassen. Wie ist das Verhältnis zwischen Menschen mit russischen Wurzeln, die heute in der Ukraine leben, und Menschen mit ukrainischen Wurzeln nach drei Jahren Krieg in der Ostukraine und nach der Besetzung der Krim? In der Antwort des Mitarbeiters von CrimeaSOS, Denys Savchenko, er hat selbst russische Wurzeln, blitzt ein moderner Begriff von Nation auf: „Wir haben einen ukrainischen Pass, wir leben hier, wir sprechen ukrainisch, wir sind Ukrainer“.  Die Situation der Krimtataren, die über Jahrhunderte auf dem Gebiet der Krim gelebt haben, dann 1944 durch die stalinische Politik verschleppt wurden, und erst seit der Unabhängigkeit der Ukraine überhaupt in ihre Heimatregion zurückkehren konnten, kann nicht ausreichend erörtert werden. Sie hatten sich gegen die russischen Invasoren gestellt, von ihnen erwarten sie offensichtlich nichts Gutes nach über 50 Jahren Unterdrückung.

Vor der Ankunft im politischen Zentrum der Ukraine in Kiew begann die Reise in der Westukraine. Ein kurzer Aufenthalt in Czernowitz führte uns in eine Stadt, deren Gedächtnis durch die Zerstörung der jüdischen Kultur zwischen 1941 und 1944 wie ausgelöscht wirkt. Die Stadt von Rose Ausländer und Paul Celan existiert nur noch im Museum auch wenn es immer eine funktionierende Synagoge gab und auf dem jüdischen Friedhof neue Gräber sind.  Der jüdische Friedhof hat eine beeindruckende Größe, die Grabsteine erzählen von einer lebendigen jüdisch-österreichisch-deutschen Kultur. Dort liegen jüdische Bürgermeister, jüdische Parlaments- und Landtagsabgeordnete begraben. Den Gräbern sieht man den Reichtum an. Die gelebte Integration ins Habsburger Reich ist den Funktionen, die die Toten zu Lebzeiten ausübten, anzusehen. In der früheren Halle auf dem Friedhof soll nach der Renovierung ein Shoa-Museum untergebracht werden. Der Leiter des jüdischen Museums, Mykola Kushnir, berichtet in seinem Vortrag über die wechselvolle Geschichte der jüdischen Gemeinde der Stadt, wie sie sich aufspaltet in verschiedene politische Strömungen und über den Glanz ihrer Kultur. Auf dem Weg dorthin sehen wir den Sonntagsmarkt, alle verkaufen alles oder ist es doch nur ein ganz normaler Flohmarkt, dessen eigentliche Funktion uns im Vorbeifahren verborgen bleibt? Sonntag in Czernowitz: Es wird geheiratet, viele junge Paare kommen zum Fotoshooting in den schönen Park der heutigen Universität auf dem „Bischofsberg“. Früher beherbergten die Gebäude die Residenz des orthodoxen Metropoliten  der Bukowina, dessen Macht sie zeigten, aber auch dessen politische Rolle als Bindeglied zwischen den römisch-katholischen Habsburgern und der russisch-orthodoxen Bevölkerung der Region.

Jüdischer Friedhof in Czernowitz. Urheber: Inka Thunecke/ Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Metropolitenresidenz/ Universität Czernowitz. Urheber: Inka Thunecke/ Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Auf dem Weg von Transkarpatien in die Bukowina passieren wir Stryj. Durch einige Seiten aus Böll’s „Der Zug war pünktlich“ scheint der zweite Weltkrieg und seine sinnlose Vernichtung auf. Böll’s erster Roman endet in Stryj, Böll selbst wurde drei Mal an der Ostfront verwundet. 

Auf unserem Weg liegt auch Iwano Frankiwsk, benannt nach Ivan Franko, einem der bekanntesten Dichter der Ukraine. Das frühere Stanislau ist eine große Industriestadt, deren Glanz und Produktionsstätten eher der Vergangenheit angehören. Wir werden von einer Aktivistin der Alternativszene durch die Stadt begleitet. Sie zeigt uns kleine Hotspots der Kreativindustrie. Nach dem Mittagsessen im Urban Space 100, einem alternativen-gemeinnützigen Restaurant mit dazugehöriger Radiostation, wird dort ein Vortrag über Permakultur gehalten. Knapp zwanzig interessierte Zuhörer/innen sind gekommen, um sich mit dieser ökologischen Anbaumethode zu beschäftigen.

Permafrost-Workshop in Iwano Frankiwsk. Urheber: Inka Thunecke/ Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Unser Weg führt uns weiter in eine Baustelle. Dort soll ein Kreativzentrum entstehen mit Co-Working-Räumen und allem was dazugehört. Doch die alte Produktionshalle gehört noch nicht den Aktivisten, die es in diese lebendige Stadt gezogen hat. Viele junge Leute zieht es in diese Stadt. Iwano Frankiwsk scheint eine Ausnahme unter den Städten im Westen der Ukraine zu sein.

Co-Working Space in Iwano Frankiwsk. Urheber: Inka Thunecke/ Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Zwei Tage Station  in Uzhgorod der Hauptstadt Transkarpatiens: Es gibt dort 28 Miniaturdenkmäler, darunter Jon Lord von Deep Purple, der für seine Musik geehrt werden sollte. Die riesige Synagoge ist heute ein Konzertsaal, daneben steht ein kleines Denkmal für die ermordeten Juden der Stadt. Transkarpatien gehörte bis zum Ende des 1. Weltkrieges über Jahrhunderte hinweg zu Ungarn. Heute investiert Ungarn in die Erinnerungspolitik vor Ort. Ein Beispiel dafür: Ganz unvermittelt hängt im sogenannten tschechischen Viertel, an dem dort gebauten Gefängnis eine Tafel zur Erinnerung an den Aufstand in Ungarn 1956. Das tschechische Viertel weist auf die Herrschaft der Tschechoslowakei in der Zwischenkriegszeit unter Tomas Masaryk hin, deren angrenzender östlicher Teil mehrheitlich von Slowaken bewohnt war und eben heute die Slowakische Republik ist. Moderne Häuser und viele Schulen sind in dieser Zeit entstanden. Doch Ungarn wollte das Gebiet Transkarpatien wieder haben. Am Tag des Einmarsches der Ungarn wurde  eine  eigene transkarpartische Republik ausgerufen, die Unabhängigkeit proklamiert. Viele junge Leute, die an diesem einen Tag die Unabhängigkeit verteidigten, wurden von den Ungarn erschossen. Es gibt dort immer noch eine große ungarische Minderheit, an die das heutige Ungarn gerne Pässe ausgibt und sie damit zu EU-Bürgern macht.  Das multikulturelle Erbe der Stadt erweist sich als ein Nebeneinander verschiedener nationaler Identitäten, deren Charakteristika nicht deutlich werden, die jedoch gegen einander mit Vorurteilen aufgeladen sind. Besonders ausgegrenzt werden die Roma und Sinti der Region, denen vor allem ein kriminelles Potenzial zugeschrieben wird. Beim Schlendern durch die Linden- oder Kastanienallee am Ufer der Uzh sind die Uzhgoroder an lauen Abenden in ihrer Vielfalt anzutreffen.  Roma sind keine zu sehen.

Langsam rollt der Nachtzug von Krakau nach Lemberg, der Hauptstadt Galiziens, in deren Bahnhof ein. Die Treppen vom Zug zum Bahnsteig sind hoch. Eine Gruppe von jungen Menschen mit Gehbeeinträchtigungen wird beim Aussteigen durch Schaffner und Begleiter unterstützt. Doch eine der jungen Leute wartet auf ihren Rollstuhl, da rollt der Zug wieder an. Nach kurzem Schreck kann auch sie den Zug verlassen.

Im Hotel wartet  ein umwerfendes Frühstückbuffet mit allen Süßspeisen der k.u.k.-Küche und der ukrainischen Küche. Palatschinken mit Quark oder Krautsalat mit Mayonaise verführen die Gäste zum Genießen. Die Stadtführung beginnt am Denkmal für den jung verstorbenen Dichter Bohdan-Ihor Antonytsch. Von dort durch den großen Park zur Universität.

Marktplatz in Lemberg. Urheber: Inka Thunecke/ Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Langsam nähert sich der Rundgang der Altstadt. Die Stadtführung erzählt von den Wechseln der Herrschaft in der Stadt, der sowjetischen Besatzung, die mit dem Angriff auf die Sowjetunion durch Nazi-Deutschland beendet wurde.  Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Verträge von Jalta und Potsdam wurde das Gebiet Galizien der ukrainischen SSR und damit der Sowjetunion zugeschlagen. Zu den schmerzhaftesten Erinnerungen der Stadt gehört das NKWD-Gefängnis der sowjetischen Besatzungszeit. Die kleine Gedenkausstellung berichtet über die Grausamkeiten und die Ermordung vieler Menschen. Als ein Beweis wird ein Film einer Naziwochenschau herangezogen. Irritation macht sich breit. Die engagierte Führerin ist den Traumatisierungen erlegen, die die Beschäftigung mit den Greul dieses Gefängnisses nach sich ziehen. Ein Hinterfragen der Bilder scheint ihr gegenüber nicht möglich, zu lange wurde die Ermordung von Menschen durch den NKWD geleugnet. Zu Grausam ist die Aufarbeitung.

In Lemberg – Lviv gibt es das „City-Institute Lviv“, eine NGO, die sich um Stadtentwicklung kümmert. Der Leiter Oleksandr Kobzarev spricht über Stadtentwicklung,  über die Potenziale von Energieeffizienz und was da noch alles nachgeholt werden kann. Lemberg gehört zu den Städten, die sich auf Europäischer Ebene dem Covenant of Majors angeschlossen haben.

Am Abend verwandelt sich Lemberg in eine sehr junge Stadt, um die Straßenmusiker bilden sich Trauben von Menschen, gemeinsam wird Bob Marleys „No woman, no cry“ intoniert. Noch am Nachmittag hatte Roman, ein Aktivist, der sich für die Soldaten an der Front engagiert von seinen Erfahrungen als Sanitäter in der Ostukraine erzählt. Beindruckendes Engagement für die Ukraine spiegelt sich in den Erzählungen der Aktivistinnen und Aktivisten, die zu diversen Gesprächen kamen.

Aktivisten in Lemberg. Urheber: Inka Thunecke/ Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

„Freiheit ist unsere Religion“ – die gesprengten Ketten der Ukraine sind nicht nur äußere Ketten, es sind auch die Ketten, die über die Jahrhunderte im Zusammenleben auf einem gemeinsamen Territorium entstanden sind. Die Freiheit als universeller Wert und als umfassendes Menschenrecht hat sich durch den Maidan in die Geschichte des Landes eingeschrieben, in der politischen Realität muss sie tagtäglich immer wieder neu verteidigt werden.

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