Moldawien - Ein Reisebericht

Moldawien - Ein Reisebericht

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MOLDAWIEN, so sagen die Rankings – ist das zweit- oder viertunbeliebteste Urlaubsziel weltweit. In dem kleinen Land vor den Toren der Europäischen Union wehen zwar überall die blauen Flaggen mit dem gelben Sternenrund, aber die EU zieht sich gerade zurück. In Moldovas Haushalt ist vor 3 Jahren 1 Milliarde Euro spurlos verschwunden und Oligarchen robben sich nach und nach in die Regierung. Hier wird rumänisch gesprochen, aber oft noch mit kyrillischen Lettern geschrieben. Statt des gleichnamigen Flusses fließt durch Moldau der legendäre süße Wein, der sich heute allerdings nicht mehr verrubeln lässt. Warum, um alles in der Welt, reisen 16 Menschen in ihrer Freizeit und auf eigene Kosten nach Moldova?

Vielleicht genau DESHALB?

Das skurrile Ziel verbindet uns schon mal. Und da die Reise mit einer Zugfahrt durch eine Nacht und einen Tag beginnt, kommen wir uns zwangsläufig näher. Die einen sind neugierig auf ein ihnen unbekanntes Land, auf Osteuropa, auf einen Teil der ehemaligen Sowjetunion. Die anderen wollen Abenteuer und Lernen verbinden. Und die Böll-Reisen haben schließlich einen guten Ruf, und unser Reiseleiter auch.

Nicht nur die gemächliche Anreise stimmt uns auf Osteuropa ein. Die strengen Pokerface-Kontrollen an Ungarns und Rumäniens Grenze lassen frühere Rucksackreisen von West- wie Ostsozialisierten in der Gruppe aufleben. Diese Erinnerung wird uns später noch helfen. 

Schau mir in die Augen, Sibiu

Aber erstmal Rumänien. Siebenbürgen. Hermannstadt. Sibiu. Die europäische Kulturhauptstadt von 2007 ist schönsaniert und lebendig. Rekonstruierte Kirchen, quirlige Märkte, verwinkelte Gassen, lauschige Hinterhöfe, ein Mittelalterspektakel auf dem Platz vor dem Rathaus. Grau ist nur der Name unserer Stadtführerin. Die 84-jährige Marga Grau will mit uns die Schattenseiten ihres Heimatortes aufsuchen – im wörtlichen Sinne: Es sind konstant über 30 Grad! Immer dicht an die alte gut erhaltene Stadtmauer gedrängt lauschen wir dem sympathischen Dialekt der Siebenbürger Sächsin. Nur noch ein bis zwei Prozent der Hermannstädter Bevölkerung gehören der deutschen Minderheit an. Vor 800 Jahren wurden sie aus dem Rhein-Mosel-Gebiet hierher angeworben, und vor dem Zweiten Weltkrieg waren es mal eine halbe Million Deutschstämmige in Rumänien – heute noch etwa 30.000. Wie anerkannt sie noch heute sind, zeigt der deutschstämmige, langjährige Herrmannstädter Bürgermeister Klaus Johannis - heute ist er der Präsident Rumäniens. Marga Grau, andere hiergebliebene Siebenbürger Sachsen, viele Rumänen und wir bedauern, dass die Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen immer kleiner wird. Aber auch Hand aufs Herz: Wer will‘s denen verübeln, die die Einladung des Westens angenommen und das sozialistische oder nachrevolutionäre Rumänien verlassen haben? Wir kehren Sibiu nach nicht mal einem Tag den Rücken, aber die Stadt behält uns im Blick. Die halbrunden offenen Fenster in den Ziegeldächern der Stadt, früher zum Räuchern, heute von Fledermäusen genutzt, werden hier die Augen von Sibiu genannt. Sie zieren so manchen Souvenirmagneten – und heute auch unseren Kühlschrank.

Bukarest: Heißes Pflaster

„Willkommen in der heißesten Stadt der Gegend“ – so begrüßt uns der gebürtige Pole Tomasz Kluz nach schlappen sechs Stunden Zugfahrt – durch die Karpaten (zum Staunen, draußen) und die Geschichte, Sprache und Politik Rumäniens (vom Reiseleiter, drinnen) – in seiner Wahlheimat Bukarest. Nur ihm allein scheinen die tropischen Temperaturen nichts auszumachen - es geht schließlich um Revolution! Und ob die rumänische im Dezember 1989 überhaupt eine war. Oder eine von den damaligen Machthabern gestohlene. Oder ein Staatsstreich. Letzteres darf man laut Gesetz in Rumänien nicht sagen. Jedenfalls haben wenige Tage Aufstand in einigen rumänischen Städten und der vom Volk abgeschirmte „kurze Prozess“ der Armee mit den Ceasescus nicht die politische Wendung und nicht den erhofften Aufbruch gebracht. Das spürt man an vielen Stellen der Stadt. Eine gerichtlich als illegale eingestufte Hochhausruine stellt eine alte Kirche in den Schatten und wird dennoch nicht abgerissen. Die Bürgermeisterin der Stadt erteilt nur der von ihr präferierten Firma Bauaufträge. Kein Hinweis an einem Club an der Calea Victoriei, dass hier der als „Partymaus“ berüchtigte Sohn von Staatschef Ceasescu Mädchen wie die rumänischen Turn-Olympiasiegerin Nadia Comaneci missbrauchte. Niemand weiß, was das ramponierte Denkmal für die Revolution darstellen soll. Und erst recht nicht, was aus dem riesigen, halb fertigen Protzpalast Ceasescus wird. Vlad, unserem jungen rumänischen Stadtbegleiter, ist das Gebäudegespenst nicht geheuer, näher als auf 100 Meter traut er sich mit uns heute nicht heran. Für morgen ist er dort aber zum ersten Mal in seinem Leben mit einer Besuchergruppe offiziell angemeldet.

Bună dimineața, Moldova!

Die Nacht legt noch einen drauf. Es hilft, dass in unserem Zugschlafwagen gen Moldawien nicht nur der Gestank aus den Zugklos steht, sondern auch die 45 Grad  heiße Luft: So schwitzen wir fast alles aus. Einzig die Ceasescu-Dokus auf dem Laptop lassen einem eisige Schauer über den Rücken laufen. Weil an Schlaf nicht zu denken ist, können wir aber genau verfolgen, wie unser Zug mitten in der Nacht an der Grenze zu Moldawien auf das sowjetische Schienenmaß umgesetzt wird.

Der gute starke Kaffee zum opulenten Frühstück im Chisinauer Hotel Jolly Allon macht fit für die Stadtspaziergänge, die wir in Gruppen zu zweit oder dritt mit den jungen EcoVisioAktivist*innen Maxim, Cristina, Maria, Ludmila und Alexandru durch ihr Chisinau starten. EcoVisio, ein 1999 gegründeter Verein unseres Reiseleiters Julian Gröger und seiner Frau Valeria Șvarț-Gröger, stärkt soziales und nachhaltiges Unternehmertum – durch Aktionen, (Umwelt)Bildung und konkrete Praxisprojekte – doch dazu nachher noch.

Erst einmal treffen wir in der schönen, mal städtisch-bunt belebten, dann fast wieder dörflich-gemütlich anmutenden Hauptstadt überall ihn: Stefan, den Großen und Heiligen.  Die nationale Vaterfigur Nr. 1, deren fast 50-jährige Regierungszeit im 15. Jhd. als goldene Periode des Fürstentums Moldau gilt, schaut uns von Denkmälern an und von jedem moldawischen Geldschein. Die jüngere Geschichte scheint keine Helden mehr herzugeben…? Der Präsidentenpalast ist seit 2009 verwüstet, eingerüstet und gesperrt. Menschen hatten das Gebäude gestürmt, weil sie an dem Wahlergebnis vom 5. April 2009 zweifelten. Große Teile  der Bevölkerung, vor allem die Jugend, hätten Hoffnung und Vertrauen in die zurzeit agierenden Parteien und Politiker verloren, wie uns drei junge Frauen erzählen: die Journalistin Ludmila Corlateanu, die Dramatikerin Nicoleta Esinencu und Natalia Corobca von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Moldova. Esinencus auch in Stuttgart gezeigtes  Stück „Fuck Eu.ro.Pa“ offenbart die Zerrissenheit von Menschen, die sich weder mit der früheren sowjetischen Teilrepublik, noch mit dem heutigen Moldawien identifizieren. Die Politik, so die jungen Aktivistinnen, sei hier eine Frage des Geldes, mit dem man Mehrheiten und Entscheidungen kauft. Die von Korruption Entnervten und vom Staat Enttäuschten wollen sich deshalb auch nicht in (Oppositions)Parteien engagieren, sondern setzen auf die eigene Kraft, auf NGOs, auf Zivilgesellschaft – durchaus jenseits der offiziellen Politik und nicht mit dem Ziel, sich als alternative Kraft in einen Wettbewerb mit den jetzigen Machthabern zu treten. Viele junge Moldauer würden gern in ihrer Heimat bleiben, leben und arbeiten – aber die meisten schließen es auch nicht aus, früher oder später doch ins Ausland zu gehen, nach Europa zum Beispiel.

Am Tag der Sprache, am 31. August, scheinen die Zweifel aber wie weggeblasen. Herausgeputzt und gut gelaunt flanieren Familien, Junge und Alte über die Festmeile, Stände bieten Honig, Kosmetik und Kinderspielzeug mal in russischer, mal in rumänischer Sprache an. Abends bestaunen wir ausgelassene Kreistänze zu inbrünstig mitgesungener Schlager- und Rockmusik von der großen Bühne am Parlament. Am 31. August 1989 sind mehr Menschen für ihre „alte“ rumänische Sprache auf die Straße gegangen als für die Unabhängigkeit Moldawiens zwei Jahre später. Das Rumänische hat das Russische als Amtssprache von einem auf den anderen Tag abgelöst. Obwohl nun beide Sprachen den Alltag der Menschen ganz selbstverständlich bestimmen, scheint die offizielle Gleichberechtigung ferner denn je.

„Nich lang schnacken, Kopf in‘ Nacken!“

Wirtschaftlich hofft das ländlich und agrarisch geprägte Land auf Wein und Tourismus. Für ersteres muss zumindest die staatliche Industrie an der Qualität – vielleicht nicht so sehr ihrer Weine, aber ihrer Präsentation – arbeiten. In einem atemberaubenden Tempo werden wir nicht nur durch die kilometerlangen Weinkellergänge von Milestii Mici gehetzt, sondern auch zum Konsumieren mehrerer Karaffen und deutschen Volksliedguts genötigt. Dass hier der traditionelle Trinkspruch unseres ältesten norddeutschen Gruppenmitglieds Wolfgang genau passt – s. oben, hatten wir jetzt soooo nicht erwartet….. Dafür entschleunigen wir ab dem nächsten Tag aufs Schönste bei unseren Abstechern aufs Land.

Loben verdirbt den Charakter?

Mehr als die Hälfte der Moldauer Bevölkerung lebt auf dem Land, jeder Dritte arbeitet in der Landwirtschaft, nahezu alle als Kleinbauern. Drei Viertel der Landesfläche, meist fruchtbare Schwarzerdeböden, werden landwirtschaftlich genutzt – welch gute Voraussetzungen für naturschonenden oder gar Bio-Anbau! Doch nur auf 2 % gibt’s Ökolandbau und gerade mal zu 15 % trägt die Landwirtschaft zum Bruttosozialprodukt bei – gegenüber 20 % Industrie und 65 % Dienstleistungen. Dabei wird hier für Essen fast die Hälfte von den monatlichen 220 Euro Durchschnittsverdienst ausgegeben. Die guten, aber zu wenig genutzten Chancen für mehr Wertschöpfung im ländlichen Raum hat EcoVisio bewogen, am Rande des malerischen Dorfes Riscova, eine Busstunde von Chisinau entfernt, ein EcoVillage aufzubauen – von Beginn an in enger Zusammenarbeit mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Der Dorfchor begrüßt und rührt uns nicht nur mit seinen Volksliedern und Trachten, sondern vor allem seinen neugierigen Fragen, wo wir herkommen, wie wir Moldova finden… Der Bürgermeister, engagiert für sein Dorf, fremdelnd mit den politischen Parteien, nimmt sich Zeit für unsere Fragen und zollt dem EcoVisio-Projekt: „Auch wenn Loben den Charakter verdirbt: hier ist es angebracht.“ Anders als wir es manchmal in Brandenburg erleben, werden hier neue Ideen wie das Bildungszentrum, nachhaltige Waldbewirtschaftung, Veredelung und Vertrieb einheimischer Walnüsse, des Honigs und Tees freudig aufgegriffen – vielleicht liegt es aber auch daran, dass die EcoVisioAkivist*innen den Einheimischen auf Augenhöhe begegnen, selber lernen wollen und einen Ideen für ein besseres Leben anbieten ohne zu missionieren.

Auf der Weiterfahrt ins 80 km nördlich der Hauptstadt gelegene Lalova machen wir einen Abstecher zum 50 Meter über dem Fluss Raut in der Felswand gelegenen Höhlenkloster Orheiul Vechi, der bekanntesten Sehenswürdigkeit und einzigen nominierten Welterbestätte des Landes. Im agrartouristischen Resort Hanul Iui Hanghanu speisen wir später opulent an einer rustikalen langen Terassentafel und beziehen unsere urgemütlichen Holzhauszimmerchen. Wir cruisen mit dem Speedboat auf dem Dnjestr, kaufen im Konsum Unmengen verschiedener moldawischer Bonbons und dürfen einmal auch hinter die Türen im Dorf schauen: Das Haus von Angelas ist einfach, eng und gemütlich, vor dem Eingang pulen Tochter und Sohn (ca. 15 und 10 J.) Walnussberge für die Hochzeitstorte der Nachbarn. Olegs Anwesen ist größer und gediegen. Beider ganzer Stolz: Der jeweils vom Boden bis zur Decke prall mit Weckgläsern unterschiedlichster Inhalte gefüllte und peinlich ordentliche Vorratskeller! Am Abend sind wir natürlich neugierig auf den Vorrat unserer Vermieter - und trinken uns dann fröhlich durch seine Unter-Tage-Apotheke J

Doch noch eine Sowjetrepublik, fast

Transnistrien oder Transdnestrien – die unterschiedliche Schreibweise ist kein Fehler, sondern ein politisches Statement. Der vorrangig russisschsprachige schmale Streifen Moldavas rechts des Dnjestr sieht sich als eigener Staat Transdnestrien. Moldova erkennt das abtrünnige Gebiet Transnistrien nicht an. Wir haben einen frühen Termin beim „Außenminister“ der selbsternannten Republik, und der Reiseleiter, unter Zeitdruck, beschwört uns: keine Fotos am „Grenz“übergang, keine Grimassen, Gelächter oder Gemurre. So eingefroren der transnistrische Konflikt, so eisig ist denn auch die Mimik der zahlreichen bewaffneten Uniformierten. Sie zitieren uns einzeln in den Kontrollpunkt und stellen jedem und jeder eine Art Passierschein für 12 Stunden aus, einen Stempel in den Pass gibt es nicht.

Während sich die „Hauptstadt“ Tiraspol am Vorabend ihres 26. Unabhängigkeitstages zur großen Parade mit Panzern und Popen, Kavallerie und Klerus rüstet, wettert der eloquente „Außenminister“ vor uns gegen den moldawischen Nachbarn, hat Verständnis für Russlands Zurückhaltung und lobende Worte für Deutschland, das Teil des 5+2-Formats ist. Seit Jahren versuchen EU, OSZE, USA, Russland und die Ukraine, den durch den Sprachenstreit und darauffolgenden Bürgerkrieg entstandenen Konflikt zu entschärfen – ohne konkretes Ergebnis, dafür mit zweifelhaftem Erfolg: Während der Schwebezustand die Bevölkerung weiter zermürbt, kochen die Oligarchen dies- und jenseits des Dnjestr weiter ihre eigenen Süppchen.

Odessa, moija ljubow

An der ausladenden Potjomkinschen Brücke zum Schwarzen Meer erfahren wir: Die sprichwörtlichen Potjomkinschen Dörfer sind lediglich die bösartige Erfindung eines neidischen intriganten deutschen Generals! Wahr dagegen wird für uns: Schwanensee in der Odessiter Oper. Die Aufführung ist konventionell, aber die rot-goldene Rokoko-Theaterarchitektur kolossal. Ganz anders, jung und frisch dagegen das Grüne Theater inmitten eines verwunschenen Parks. Der aus Protest gegen Hochhäuser an dieser Stelle entstandene Impact Hub versammelt kreative Geister jenseits der Politik, erzählt uns Maryna Goncharenko. Von Julia Kovalenko, Kulturmanagerin, Filmkritikerin und Unidozentin, hören wir, wie schwer es ist, sich in dem ukrainisch-russischen Krieg zu verhalten. Allein aus Geldgründen bekommen z.B. eher russische statt teurer europäischer Filmverleiher Aufträge. Die Kiewer Regierung unternehme gegen die pro-russischen Kräfte auf der einen und die sich gar pro-europäisch gerierenden rechtsradikalen Kräfte im Land leider viel zu wenig. Zurück auf der Straße sind Krieg und Konflikte unsichtbar. Mit schnieken Marinesoldaten und betüllten Balletteleven, gut aufgelegten Musikanten und herausgeputzten Familien stürzen wir uns in das Stadtfest von Odessa, bevor es am nächsten frühen Morgen zurück in unsere Heimat geht.

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Die kommenden Bildungsreisen nach Osteuropa finden Sie im Bereich Bildungsreisen auf der Website.

 

 

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