Entschleunigtes Reisen und Einblicke in Europas Osten

Entschleunigtes Reisen und Einblicke in Europas Osten

Im vergangenen Jahr hat die Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg wiederholt Bildungsreisen in den europäischen Osten angeboten. Es wurden die Westukraine, Georgien und die Republik Moldau angesteuert. Julian Gröger, Bildungsreferent der Heinrich-Böll-Stiftung hat die Highlights der drei Reisen, die er geleitet hat, zusammengefasst.

Im vergangenen Jahr hat die Heinrich-Böll-Stiftung wiederholt Bildungsreisen in den europäischen Osten angeboten. So fand vom 16. bis zum 27. Juli eine Reise in die Westukraine statt. In die Republik Moldau mit den Stationen Sibiu, Bukarest, Chisinau, Tiraspol, Odessa ging es vom 10. - 20. August. Als letztes Reiseziel des Jahres 2018 wurde im Zeitraum vom 3. bis 12. September Georgien angesteuert.

Die Bildungsreise in die Westukraine (16. - 27. Juli 2018)

Reliefkarte der Ukraine
Die Bildungsreise in die Westukraine wurde 2018, aufgrund der hohen Nachfrage, zum zweiten Mal angeboten. In den zwölf Tagen bekamen die Reiseteilnehmerinnen und Reiseteilnehmer einen authentischen Einblick in die Situation vor Ort, sei es in politischer, kultureller wie auch ökologischer Hinsicht.

Bevor es zum ersten Ziel in der Westukraine, der Stadt Lemberg, ging, wurde die Zugreise für einen Tag und eine Nacht im polnischen Krakau unterbrochen. Schon dort konnten die Reiseteilnehmerinnen und Reiseteilnehmer etwas über Polens Rolle in der Westukraine und die Stadt selber erfahren.
Ukrainische Städte wie das schöne Lemberg, das urige Uzhgorod, das quirlige Ivano-Frankiwsk und das historisch so bedeutungsschwere Czernowitz standen auf der Reiseagenda. Dabei wurde erst allen bewusst, wie groß die Ukraine ist, wo doch der umkämpfte Osten des Landes weit entfernt war von den Reisezielen.

Zum Abschluss wurde es dann in Gesprächen mit Studierenden in Kiew noch einmal politisch. Die Ukraine ist weiterhin im Umbruch, politisch wie auch zivilgesellschaftlich. Nach 2014 musste zusätzlich zum Krieg im Osten des Landes um die zwei Regionen Donezk und Luhansk, auch der Verlust der Krim verkraftet werden.

Die 15 Teilnehmenden trafen sich an allen Orten mit Akteuren, von denen viele ihr Majdan-Erlebnis im Winter 2014 als ein Schlüsselerlebnis ihrer Biographie schilderten. Neben wunderbaren alten Stadtkernen, bereichernden Perspektiven und abwechslungsreichem Essen waren es für viele die persönlichen Begegnungen mit jungen Ukrainern, die hängen bleiben werden.

Diese Reise wird es auch im Juli 2019 wieder geben.

Die Bildungsreise in die Republik Moldau (10. - 20. August 2018)

Reliefkarte der Republik Moldau

Die Republik Moldau oder auch Moldawien bekommt in unseren Medien wenig  Beachtung und wenn, dann immer mit einem grauen Schleier von Korruption oder Armut. Was diese Region noch zu bieten hat, erlebten zehn Teilnehmende in der elftägigen Reise. Sie begann mit dem Zug über die Stationen Prag und Budapest und machte einen ersten Stopp im 1.079 Kilometer entfernten Sibiu.

Diesseits der Karpaten in Hermannstadt ist der mitteleuropäische Einfluss noch deutlich zu spüren. Bukarest dagegen fühlte sich schon mehr nach Balkan und auch nach Fremde an. Von dort aus ging es im heißen Nachtzug nach Chisinau, der Hauptstadt der Republik Moldau.

Wein und Walnüsse sind die Hauptexportgüter dieses Agrarlandes außerhalb der EU. Kulinarisch hat der ehemalige „Obst- und Gemüsegarten der Sowjetunion“ einiges zu bieten, was die Teilnehmenden auch bei Besuchen auf dem Land genießen durften. Politisch ist die Situation sehr fragil,  Oligarchen haben das Land gekapert („captured state“).

Man kann diese Situation als eine Übergangsphase auf dem Weg hin zu einer funktionierenden Demokratie sehen. Vielleicht ist es aber auch ein Stadium einer kapitalistischen Gesellschaft und gibt eine Richtung vor, in die sich auch der Westen bewegt. Aus dieser Perspektive lohnt sich das Studium der moldauischen Situation sehr. Hier kann man im Kleinen erfassen, was komplexer auch in der Ukraine, in Armenien oder in manchen anderen Ländern passiert.

Zum Abschluss ging es für die Reisenden durch das abtrünnige Transnistrien nach Odessa in die Ukraine. Odessa ist ein Kur- und Badeort und ein Sehnsuchtsort für viele Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion. Das Flair dieses Ortes genoss die Reisegruppe samt Opernbesuch und Sprung ins Schwarze Meer. Natürlich kam auch hier die politisch aufgeladene Situation nicht zu kurz und wurde mit der Zivilgesellschaft thematisiert.

Diese Reise wird es auch im August 2019 wieder geben.

Die Bildungsreise nach Georgien (03. - 12. September 2018)

Reliefkarte Georgiens

Nachdem 2015 schon eine Bildungsreise nach Armenien zum 100 jährigen Gedenken an den Genozid im Programm der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg stand, ging es im September 2018 für 22 Teilnehmende zum zweiten Mal in der Geschichte der brandenburgischen Stiftung in den Kaukasus.

Georgien ist bei Reiseveranstaltern momentan sehr beliebt und wird auch kulturell, etwa als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018, wahrgenommen. Die knapp 4 Millionen Einwohner im Westen des Südkaukasus haben somit eine enorme Anziehungskraft mit ihrer lange zurückreichenenden Kulturgeschichte, ihren vielen verschiedenen Klimazonen, den alten Städten und neueren politischen Entwicklungen mit klarem Kompass in Richtung EU-Integration.

Zunächst ging es für die Reisegruppe mit dem Flugzeug über Istanbul nach Batumi am Schwarzen Meer. Hier in Adscharien gibt es eine große muslimische Minderheit und in der Stadt sieht man viele historische Bauten neben futuristisch anmutenden Gebäuden der Sakaschwili-Ära. Weiter ging es mit dem Bus nach Kutaisi, der historischen Hauptstadt und derzeit noch Sitz des Parlamentes – auch ein Relikt der Sakaschwili-Zeit, das mit dem Willen zur Dezentralisierung ein bisschen über das Ziel hinaus geplant erscheint. Über die historische Stadt Mzcheta und einer Weinprobe ging es nach Tbilissi (Tiflis). Ein zweitägiger Abstecher nach Stepandsminda brachte der Reisegruppe das Kaukasus-Gebirge näher und auch die russische Grenze. Mit Abchasien und Südossetien gibt es zwei Teilregionen Georgiens, die sich unabhängig erklärt haben und von Russland anerkannt wurden. Der kurze Krieg im Sommer 2008 ist den Georgiern sehr gut im Gedächtnis geblieben und man fürchtet den großen Nachbarn im Norden.

Zurück in Tbilissi waren es noch einmal Themen wie nachhaltige Stadtentwicklung und europäische Nachbarschaftspolitik aus georgischer Perspektive, die diskutiert wurden. Ein Highlight waren sicherlich auch die literarischen Impulse von Referentinnen und Referenten wie auch Mitgliedern der Gruppe. Georgien fühlte sich für die meisten Teilnehmenden näher an, als es auf der Landkarte erscheint.

Diese Reise wird es voraussichtlich erst 2020 wieder geben.

Über die Bildungsreisen

Die Bildungsreisen wurden von Julian Gröger geplant und durchgeführt. Julian Gröger ist  Bildungsreferent der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg. Er hat in mehreren Ländern Osteuropas gelebt und spricht unter anderem auch Russisch. Er hat schon mehrere Bildungsreisen für die Heinrich-Böll Stiftung-Brandenburg und andere Organisationen geleitet.

Weitere interessante Reiseberichte zu den Bildungsreisen können Sie hier nachlesen. Im Bereich Bildungsreisen können Sie sich zudem über die neuesten Bildungsreisen für das Jahr 2019 informieren. In diesem Jahr werden Bildungsreisen in die Westukraine- und die Republik Moldau angeboten. Alle weiteren Informationen finden Sie hier.

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