Ort

Urheber/in: Jan Brockhaus.

Über den Ort des XXIV. ROHKUNSTBAU

Die erste Erwähnung von Lieberose (niedersorbisch Luboraz) stammt aus dem Jahr 1272 und steht in Zusammenhang mit einer Wasserburg zum Schutz des Wegekreuzes Frankfurt-Bautzen und Leipzig-Posen. Unter dem Schutz der Burgherren von Strehle entwickelte sich eine wendische Siedlung, die am 29.11.1302 Stadtrecht erhielt. Nach mehrfach wechselnden Eigentümern im 14. und 15. Jahrhundert gelangte die Herrschaft Lieberose im Jahr 1519 in den Besitz der Brüder Jacob und Richard von der Schulenburg, in deren Familienbesitz es bis 1945 blieb. 

Das 23 Generationen umfassende Grafengeschlecht von der Schulenburg lässt sich zurückverfolgen bis auf zwei Ritter aus dem 13. Jahrhundert im Gebiet der Altmark im nordwestlichen Teil des heutigen Sachsen-Anhalts. Es bildeten sich zwei Linien heraus – die weiße und die schwarze Linie. Die Herrschaft Lieberose gehörte zur schwarzen Linie und bildete das älteste Haus des Geschlechts. 

Zwei wesentliche Bauphasen prägen das Schloss Lieberose. Zur Zeit der Renaissance wurde Mitte des 16. Jahrhunderts unter Graf Joachim II. dem Reichen an den bestehenden Nordflügel ein Westflügel mit Durchfahrt sowie ein Ostflügel angebaut. Es entstand eine 2-geschossige Dreiflügelanlage mit nach Süden offenem Ehrenhof. Das Erdgeschoss des Ostflügels bestand aus offenen Rundbogenarkaden. Zwischen Nord- und Ostflügel betonte der als Treppenturm genutzte Taubenturm die Ecke. 

Der Stadtbrand von 1657 zerstörte auch große Teile des Renaissanceschlosses. Vermutlich gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde das Schloss ohne große äußerliche Veränderungen wiederhergestellt. In dieser Zeit entstanden in einigen ausgewählten Räumen des Schlosses die noch heute sehenswerten Stuckdecken mit stark plastischem figürlichen und floralen Schmuck. Herausragend war die Ausgestaltung des Rittersaales im nicht mehr vorhandenen Nordflügel. Der Stukkateur Giovanni Bartolomeo Cometa ist in der Region auch bekannt für die Stuckarbeiten im Kloster Neuzelle. 

Unter Graf Georg Anton bekam das Schloss in der Mitte des 18. Jahrhunderts seine barocke Gestalt. Mit dem neuen Südflügel wurde das Schloss zu einer Vierflügelanlage ausgebaut. Alle vier Flügel wurden auf eine Höhe von 3 Geschossen gebracht und mit einem umlaufenden Walmdach zusammengefasst. Überragt wurde das mächtige Dach von einem Uhrenturm, der in der Mitte des Westflügels neben der Tordurchfahrt entstand. Der Taubenturm am Ostflügel blieb erhalten, die Rundbogenarkaden wurden zugemauert und alle vier Flügel mit einer einheitlichen barocken Fassadengestaltung versehen. Der neue Südflügel zum Park wurde betont durch ein Portal mit Freitreppe und Mittelrisalit. 

So entstand die größte Landschlossanlage des damaligen Kursachsens, von Graf Georg Anton darauf ausgelegt, dem Landesherrn August dem Starken, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, auf seinen Reisen nach Polen Quartier zu ermöglichen. Lieberose bekam den Charakter einer Residenzstadt und erlebte eine Blütezeit. Im Zuge von langwierigen Erbfolgestreitigkeiten am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Bauwerk stark vernachlässigt. 1849 übernahm Graf Friedrich Albrecht die Herrschaft Lieberose. Unter ihm und seinen Erben entwickelte sich Lieberose zu einem der bedeutendsten Forstbetriebe der Provinz Brandenburg. Eine wesentliche Einkommensquelle war die Produktion von hochwertigen Kiefernsamen in der Darre auf dem äußeren Schlosshof.  

Bis 1911 konnten am Schloss einige Baumaßnahmen geleistet werden, so z.B. der Anbau zusätzlicher Stützpfeiler am Ostflügel zur Sicherung des von Setzungen bedrohten Baus. Zwischen Nord- und Ostflügel entstand in dieser Phase auch die neben dem Dianazimmer gelegene 2-geschossige Bibliothek mit umlaufender Galerie als auch unter anderem die Eckhalle im 1. Obergeschoss mit qualitätvoller Wand- und Deckentäfelung sowie kunstvoll gefertigtem Eckkamin. 

Graf Albrecht, ein Enkel von Friedrich Albrecht, übernahm 1930 den Besitz von seinem Vater und kämpfte als studierter Forstwirt in den folgenden Jahren für ein Weiterbestehen des Betriebes. Die Nationalsozialisten forderten die Herausgabe von mehr als 60 % der gräflichen Forstflächen zur Einrichtung eines Truppenübungsplatzes. Aus dem Rest der Herrschaft und dem Schloss sollte ein Jagdschloss für den Reichsführer der SS Himmler werden. Das Kriegsende verhinderte die Pläne, die Grafenfamilie wurde dann 1945 im Zuge der Bodenreform entschädigungslos enteignet. Im April 1945 wurden bei einem Luftangriff der Nordflügel und Westflügel des Schlosses zu einem beträchtlichen Teil zerstört. In der Folge kam es zu Plünderungen und fortschreitendem Abriss der zerstörten Flügel. 

Zwischen 1950 und 1988 zog eine Berufsschule mit angeschlossenem Internat in das Schloss ein und belebte Schloss und Stadt. Mit der Wende schlief die Nutzung des Schlosses nach und nach ein, die Stadt sah sich mit dem Betrieb des Schlosses überfordert und verkaufte es an die Brandenburgische Schlösser GmbH. Um das Jahr 2000 herum wurden wesentliche Sicherungsmaßnahmen durchgeführt und das Schloss in einen soliden Zustand versetzt.

 

Stefanie Reinke 

Vorstandsmitglied Förderverein Lieberose e.V. 

Unter Nutzung folgender Quellen:
Dr. Sibylle Badstübner-Gröger für Deutsche Gesellschaft e.V.: Schlösser und Gärten der Mark, Lieberose, Berlin 1993
Werner Graf von der Schulenburg, Hans Wätjen: Geschichte des Geschlechts von der Schulenburg 1237 bis 1983, Wolfsburg 1984

Anschrift:
Schloss Lieberose
Schlosshof 3
15868 Lieberose

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